[Startseite]  [Übersicht Online-Texte]  [Materialien zu Franziska Gräfin zu Reventlow]

Tagebücher 1897-1910

  1. Epoche: Erwartung
  2. Epoche: Die Mutter
  3. Epoche: Reise nach Kleinasien
  4. Epoche: Der Roman
  5. Epoche: Kreuz und quer
  6. Epoche: Das Eckhaus
  7. Epoche: Die Schwester
  8. Epoche: Das Zeitalter der Päule
  9. Epoche: Der wirtschaftliche Bankrott
[Anfang]  [Vorige Epoche]  [Nächste Epoche]

Vierte Epoche

Der Roman

Gestalten:

Bubi

Henry

Monsieur

Die Geschwister Hallwig

Falkenberg

Onkel Kêf

Adrian

Baschl

Somi

Rodi — der Sonnenknabe

Putti — ein junges Mädchen

Dr. Sendt — ein Philosoph

Anita Augspurg — kämpft für Frauenrechte

Professor Hofmann — eine Gestalt aus der Umgebung des Meisters

Stefan George — der Meister

Die Böhlaugesellschaft

8. Januar 1901

Vormittags Hallwig. Frohes, schönes Wiedersehn.

Abends Monsieur. Nun fange ich an, mich wieder daseinsberechtigt zu fühlen. Er war so gut, beinahe etwas von Weichheit.

Fragte, was ich mir zu Weihnachten wünschte. —

9. Januar [1901]

Mit besserem, wärmerem Gefühl aufgewacht. Und doch immer noch die Sehnsucht nach Tigani, nach unserer Reise. Wenn ich von Samos spreche, tut es mir förmlich weh. Ich muß wieder in den Süden, sobald als möglich. Im Hause jetzt fertig. Hallwig, Adrian, Steinmetz. Mit meiner Menschenkenntnis ist es immer noch nicht weit her. Hielt Adrian einmal für etwas Exquisites, — zweimal allein mit ihm zusammen, — da merkte ich, daß er dumm ist. Ich mag jetzt überhaupt keine Menschen. Hallwig, Henry und Monsieur, mehr nicht, alle andern überflüssiger Nervenballast.

Meine Maus erholt sich jetzt tüchtig. Brief an Onkel Kêf. Das ist auch einer.

Noch ein paar Ruhetage, dann fängt die μεγάλη δυστιχία an. Mein «Roman» fängt an, in mir zu leben. —

In alten Briefen aus Ibsenklubzeit und folgendem gelesen. Es bewegt mich noch alles, wenn ich das lese, aber wie aus weiter Ferne. Aus Heimweh nach Samos an Anakréon geschrieben. —

12. Januar [1901]

Was war dem Bubi heute abend, als er sich so zärtlich an mich schmiegte und immer wieder sagte: «Mama muß Mausi festhalten.»

Ich bin jetzt meiner Einsamkeit wieder froh geworden. Es ist wieder wie früher in den letzten stillen Jahren.

Nachmittags Dämmerstunde mit Hallwig und Bubi. Dann Kinderwäsche gewaschen, auch einmal wieder. Und abends mit Milchkanne usw. einkaufen gegangen. Immer noch Hetze, Hetze. Besorgungen, rennen, Menschen abwimmeln und nicht recht wohl.

Möchte Schlittschuh, Karneval, Singstunden, Sprachstunden. —

15. Januar [1901]

Um sechs Uhr früh Monsieur vom Dienstbotenball als Koch.

C'était si bon, si doux.

Zwei Stunden à côté de lui — wachgelegen und gedacht.

So froh aufgestanden, heller Frostmorgen draußen.

17. Januar [1901]

Schlittschuh gelaufen, alle Vormittage. Der Englische Garten so märchenhaft im Schnee.

19. Januar [1901]

Henry zurück. Morgens bei hellem Winterwetter an die Bahn.

Nachmittags mit Hallwig bei Hofmann. Abends mit Busse, Hallwig, Henry im Salvator.

— — — — — — Die üblichen Gedankenstriche.

Ich denke nicht mehr wie früher, ob es Liebe ist oder ob es welche werden kann. Es ist viel schöner so.

20. Januar [1901]

Müder Sonntag. Vormittags mit Henry aufs Eis. Nachmittags Hallwig, abends mit Adrian bei Henry. Unwohltuend.

21. Januar [1901]

Bei Henry Abschied gefeiert. War so gut.

Heiße Arbeitstage, vergnügt. Vormittags Buch für Adrian, nachmittags Roman. Bal paré. War sehr hübsch, d. h. ich war sehr hübsch. Aber in schändlicher Stimmung. Fühlte wohl, daß er da war und wollte doch bei Henry bleiben. — Dann uns plötzlich gegenüber. Viel später erst mich gesehen, und dann — und dann. Wie voriges Jahr einmal — wilde Heimfahrt und brennendes Löschen. —

Darf ich immer kommen, immer?

Nachkirchweih am 7. Februar. Bei diesem Menschen hat selbst der Rausch etwas Tragisches, Herz-beklemmendes. —

Er fühlt doch das warme Umfangen. Er sagte mir zuletzt viel warme Sachen, hinter denen soviel Zerrissenes und Wehes lag. — Er will mir viel sagen, wenn der Karneval vorüber ist. —

Was wird er mir da wieder zu tragen geben?

Henry Krach bekommen und schon um zwei fort. Wollte ihm nach und bei ihm bleiben, hatte es mir so schön gedacht, was wir alles sprechen wollten. Aber Adrian und Hofmann mit, erst noch mit Monsieur getanzt. Dann mit den andern bei Henry. Stimmung zerfetzt, ging schließlich nach Hause. Dann Reue. So eine bittre, wehe Sehnsucht, und daß er gewiß traurig war.

8. Februar [1901]

Abends lange mit Henry gesprochen. Alles wieder so gut und schön. Ich liebe den andern, und doch möchte ich ihn auch ganz für mich haben. Ich bin so reich nach allen Seiten, und mir fehlt doch so viel. — Und ich kann nicht zur Ruhe kommen.

Mein ganzes äußeres Leben zerrt mich hin und her, es gehört ein Stück Gewaltsamkeit dazu, sich dabei zu konzentrieren. — Aber dies Stück Gewaltsamkeit will ich jetzt zustande bringen, à tout prix. Ich will Klavierstunde nehmen und Singstunde, vorläufig bei H. Vielleicht kann ich noch etwas von dem, was mir in dieser Beziehung fehlt, nachholen. H. findet, ich habe Gehör, und ich glaube, daß ich eine schöne Stimme habe. Dann Sprachen lernen, einstweilen Griechisch, Italienisch, Dänisch, von denen dreien ich wenigstens eine Ahnung habe. Ferner «Leibesübungen», Schlittschuhlaufen; wenn das zu Ende ist, Schule radeln des Abends. Last not least der Roman und etwas Übersetzen. Und lesen, die nächsten Bücher sind Geburt der Tragödie, die in Samos angefangen, Kunst des Altertums, Burckhardts Renaissance. Danach kommt dann die Kultur der Griechen. Gott weiß, ich habe nachzuholen, es ist alles verschlampt und vernachlässigt. Und was hätte man in all den Lebensjahren machen können, als ich noch zu Hause war. — Seitdem habe ich noch sieben volle Jahre verloren, besonders für die «Bildung». Dafür habe ich gelebt. Nun muß beides zusammengehn. Und doch hängt wieder alles vom Gelde ab. Noch ein paar Jahre Fronarbeit wie die letzten, dann ist alles rettungslos zu spät, und meine Porträts werden nie gemalt.

Also jetzt drauf!

Und nun will ich extra noch etwas Karneval mitmachen, um mich dadurch nicht herausbringen zu lassen.

11. Februar [1901]

Abends am Roman geschrieben, inzwischen H. auf einen Sprung. Es ist ja so gut, das Leben. Vor allem empfinde ich wohl jetzt das Gesundsein manchmal fast wie einen Rausch, wenn ich so fühle, daß mir nichts mehr wehtut, Kopf und Inneres frei sind. Es ist ja Wahnsinn und Schwindel, zu denken, daß das so bleiben könnte.

Und all die herrlichen Menschen jetzt. Das hat mir doch in den letzten Jahren so gefehlt. Da waren es lauter Krüppel, Lahme und Blinde, mit denen ich verkehrte.

12. Februar [1901]

So kalt, daß einem die Finger steif frieren.

— — — — Über Nacht sind Rosenblätter auf meine Übersetzung gefallen. Ob das eine gute Vorbedeutung ist? — —

Griechisch gelernt, Schlittschuh gelaufen, Bögen geübt, oh, die lahmen, ganz verrosteten Glieder. Dies Jahr sollen sie aber wieder gründlich eingeölt werden. Maus zu Bett gebracht, saß in seinem Nachthemdchen auf meinem Arm und deklamierte:

«Ich halte eine Puppe in den Händen,

Und diese Puppe ist der große Pan.»

Schade, daß das Theater sich zerschlagen hat, ich hätte so gern einmal geglänzt.

Abends Roman. Kapitel bis zur Pension. Kommt doch jetzt vorwärts.

13. Februar [1901]

Früh italienisch übersetzt, dann zur Stadt, Schneiderin, Baschl — und einen Pelzhändler überlistet.

Zu Hause Hofmann gefunden, der mich zu Stefan George einladen will. Wegen der Jourklatschaffäre unter Vorwänden abgelehnt. Will erst Satisfaktion.

Dann kam Monsieur, bleich, unangenehm und übernächtig, eingebildet und greulich. —

Stören Sie mir meine Kreise nicht!

Räche mich erst heute nacht.

14. Februar [1901]

Mit der Rache war's nichts. Auf dem Bal paré Anfang der Aussprache, die seit einem Jahr schwebt.

Beziehungen zwischen uns nicht mehr möglich, Verbrechen gegen mich selbst und Kind. Mangel an Selbstachtung.

Dem entgegengetreten. War noch nicht so, wie ich gewollt hätte, das kommt noch. Uns lange in die Augen gesehn. Was lag drin bei ihm?

Dann Adieu. Gefühl ein innerer Krampf.

Dann Henry, Erlösung, Wohltat, Befreiung.

Heute froh und gesund. Biegen oder brechen. Mag's brechen, mich bricht's nicht.

Mit Hallwig Schlittschuh, mittags Henry im Leopold. So schöne Tulpen von ihm, die rot und golden auf meinem Schreibtisch stehn und mir leuchten wie seine eigne Wärme.

15. Februar [1901]

Vor einem Jahr mein Operationstag, heute Jugend und Gesundheit. Manchmal faßt es mich doch wie ein Schrecken an, kann es so bleiben? Ob ich nicht beim nächsten Schritt wieder drunten liege und alles schwarz wird?

Und das ist wieder so ein tiefer wunderbarer Glockenton durch meine Lebensfreude, dies fortwährende Zittern um das, was man hat.

Abends auf Grund der Handschriftsanalyse B. A. S. das Fest gefeiert, wo die Kerzen eine nach der andern wieder angezündet wurden.

Es ist doch die rettungslose Liebe. Lieber ihn verlieren, als daß die in mir versagt oder versiegt.

Abends mit Hallwig, Busse, Rodi und Putti bei Henry. In schlechter Stimmung.

17. Februar [1901]. Karnevalssonntag

Vor einem Jahr im Josephinum zwischen Leben und Tod.

Sonderbar, daß dasselbe Zerwürfnis sich um dieselbe Zeit wiederholt. Wird es diesmal ein endgültiges werden? Soll ich ihm schreiben, meinen Standpunkt klarmachen, oder abwarten, schweigen? Wenn ich sicher wüßte, daß er nicht wieder kommt, würde ich schreiben.

18. Februar [1901]

Frau W. herausgeworfen. Telegraphisch Brief an Monsieur.

«Dann ist es besser, unsere Wege trennen sich und zwar nicht nur, bis Ihnen einmal die Laune wieder anders steht. Dazu bin ich mir zu gut.»

Abends mit H., Adrian und Baschl im Luitpold. Hallwig hat in dem «Karnevalstreiben» ihn gesehen, er schien doch wieder mit mir sprechen zu wollen, aber ich mit «Seelenstärke» fest und doch wieder an allen Gliedern gezittert. Er sah noch nachher öfters zu mir herüber. Das Herz dreht sich mir um. Ich möchte ihn in die Arme nehmen und ihm wohltun und kann doch nicht anders, als ihm jetzt so schroff wie möglich entgegentreten. Wird er wiederkommen?

20. Februar [1901]

Immer noch gebummelt. Vor- und nachmittags und dann bis Abends bei Hofmann, Stefan George. Fast unheimlich, dieser seltsam gebildete Kopf mit den erloschenen Augen. Kommt einem nicht recht wie ein wirklicher Mensch vor, trotzdem er lachen kann.

21. Februar [1901]

Von Steinmetz rapportierte Äußerung Monsieurs. Nein, das glaube ich doch nicht — vor andern Menschen so über mich zu sprechen. Unmöglich gegen sich selbst und gegen mich. —

Vormittags Eis. Morgen muß ich wieder in Ordnung kommen, lesen, arbeiten, mich in Stimmung und Kraft halten, die «innere Stimme» übertönen, die nach ihm schreit, nach guten Worten von ihm, nach alledem, was so schön war zwischen uns. Was denkt er jetzt — nach meinem Brief? Was ist überhaupt in ihm?

Mir kommt alles so verödet vor, noch nicht so, daß ich es nicht ertragen kann, aber wann wird das kommen. O mon ami, mon ami.

22. Februar [1901]

Nachts von ihm geträumt. So gut. Am Tage traurig. L'irréparable, wenn auch in anderm Sinn. Mit Henry durch den Englischen Garten bis zum Schwabinger Friedhof. Daran gedacht, wie wir, Monsieur und ich, im Sommer hier hinaus geradelt sind, wie er einmal abstieg, um mich zu küssen — und dann früher, vor vielen Jahren, wie wir einmal am Karfreitag hier mit unsern Hunden gingen und nachher einen von unsern Abenden in meinem Atelier hatten.

Auf meinem Schreibtisch eine Karte von Monsieur. — «Darf ich heute abend zur Aussprache kommen?»

Es ist eine Stunde her und alles an mir zittert noch, als ob mein Leben auf dem Spiel stände. —

Dann würde ich nicht einmal so zittern, höchstens, wenn ich geköpft werden sollte und die Guillotine sähe. — Wenn er jetzt schon käme, würde ich wie gelähmt dastehn und kein Wort sagen können. Diese Todesangst: wenn es nun wirklich aus sein sollte. Die Angst vor dem Morgen und «alle Tage», wenn es aus wäre. Ich bin ja an ihn festgewachsen, ich kann nicht, kann nicht, kann nicht ohne ihn sein. Es ist keine Liebe, keine Freundschaft, keine Leidenschaft und ist alles zusammen. Wenn er nun kommt, von meinem Brief spricht und von all den andern Sachen und dann fortgeht und nie wiederkommt —

Wenn er mich liebte, würde ich ihn nicht loslassen, aber ich habe nichts, um ihn zu halten. Wenn ich dann doch wenigstens ein Kind von ihm hätte, dann könnte ich vielleicht ohne ihn leben. Aber er darf nicht sehen, daß ich so zittre, ich muß kalt und abscheulich sein.

24. Februar [1901]. Sonntag abend

So ziemlich im Sand verlaufen. Etwas Aussprache, dann alles wie sonst. Das kommt davon, wenn man sich aus große Dramen gefaßt macht.

In etwas abgefallner und doch leise von der Nacht her durchbebter Stimmung. —

Warum kommt er wieder, wenn ihm nichts an mir liegt? Im Grunde das Gefühl, als ob er mir zeigen wollte, daß er's nicht so bös gemeint hätte.

Oder mich blamieren wollte — das wäre sehr kurzsichtig gewesen. Denn ändert etwa das coucher ensemble etwas an dem, was ich ihm geschrieben? —

25. Februar [1901]

Somi angekommen.

26. Februar [1901]

Nerventag. Gegen Henry gereizt und greulich. Ihn nachher im Leopold verfehlt und den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Wenn ich jetzt wie immer in der letzten Zeit zu ihm laufen könnte, aber er wird nicht da sein. — Er ist jetzt doch nicht mehr so für mich da, und ich bin traurig darüber.

27. Februar [1901]

Frühling draußen. Wie ich morgens ins Atelier komme, alles sonnig und warm. So froh hat es für mich lauge Jahre nicht angefangen. Gesundheit, mein strahlendes Kind, seine süße Liebe zu mir, alles, was Henry mir tut und mir ist. —

Früh zu Henry und er machte mir ein so schönes Frühlingsgeschenk. Den ganzen Jacobsen.

Somi war gestern abend bei ihm gewesen — doch etwas eifersüchtig. Nun gehört er mir nicht mehr. Aber ich will jetzt froh und hell sein. —

Mit dem Datum ganz in Unordnung geraten. Auf einmal ist schon der 1. März. Draußen ist es so, als ob es gleich Sommer werden wollte.

Und ich spinne wieder einmal. Weil ich nicht ganz wohl bin, weil ich etwas arbeiten muß und es mit dem Geld nicht gehen will, weil mon ami für vierzehn Tage fort ist, und weil Henry heute fort ist, und weil ich doch eigentlich keinen von beiden wirklich habe, und weil ich dieses Jahr nicht wieder ein Samos vor mir habe.

Wenn ich doch erst selbst etwas Musik machen könnte. — Und der Bubi ist nicht wohl, es scheint aber nichts zu sein. In der Nacht war er aufgeregt und sprach dann, daß jemand ihn totmachen wollte.

Ihm morgens einen Wickel gemacht, lag so lieb und geduldig da: «jetzt ist Mausi gleich gesund.»

Dann beschäftigte es ihn, ob seine Miezekatze ihn lieb hätte. Du Süßes. Alles dreht sich bei ihm ums Liebhaben. Wo hat er das her. Er muß das Sonnenkind werden, das ich nicht geworden bin, weil das «Liebhaben» fehlte. —

2. März [1901]. Samstag

Abends mit Hallwig.

Meine mystische Seite. Die drehende Swastika.

3. März [1901]. Sonntag

Mittags mit Hallwig und Stefan George im Leopold. Nachmittags mir Hallwig von seinem Besuch bei Somi erzählt. Dann mit ihm und Stefan George im Leopold.

Bubi gestern, als ich ihm mit Patsche drohte: «Nein, das geht nicht, das macht zuviel Spektakel.» —

Als ich sage Jessas, Jessas — «Mama, Jessas ist doch nicht.» Erste Gottesleugnung.

4. März [1901]. Montag

Beim Doktor, Lunge untersuchen lassen — sie ist schwach, Schonung befohlen, eine vernarbte Stelle von der Entzündung. Leichter Herzklappenfehler. Auf meine Lunge und Herz hätte ich Häuser gebaut. Ganz lieb ist es mir nicht, wenn er auch dabei sagt, daß beides nicht von Belang. Es ist eben doch immer eine Warnungstafel.

Abends mit Somi und Hallwig zu den Ringkämpfern. Somi ganz anders, wie ich sie mir gedacht.

Es fällt mir ein, daß ich Monsieur in letzter Zeit überhaupt ganz vergessen habe. —

Bubi heute: «Ich bin die Göttervenus. Diese war so schön, daß ihre Schönheit krank machte.» —

Das kommt, wenn Mütter Rollen üben. —

Abends: «Guten Tag, Mama. Götter Venus ist da.» —

Brief von Jassimo. —

9. März [1901]

Um Mitternacht Monsieur.

Samstag abend auch.

Rien ne va plus — — ich: Meine Schuld ist es nicht. — Ich liege wieder in meinem Heiligtum und bete an.

*

Adam zurück. Dann hab' ich wieder Zutrauen zum Leben.

10. März [1901]. Sonntag

Übersetzung für Adrian fertig. Ich kann nichts mehr aushalten. Schlapp und matt, komme gleich wieder in verwahrloste Lebensunordnung mit Zigaretten etc. Und der Roman. — Ich möchte nun malen und anfangen, Musik zu treiben. Das muß ich haben, dann kommt das Leben.

Hallwig: Sie sind eine heidnische Heilige.

Henry stimmt ein.

(Warum hat er dann eine andre viel lieber? —)

Mon ami steht mir im Leben so fremd und fern. — Ich freue mich auf den Sommer und aufs Land. Die letzte Häutung. Trotz aller Mattigkeit Explosionsgefühl. Irgend etwas muß kommen.

11., 12. März [1901]

Elend, Erkältung, der liebe Gott ist ein alter Neidhammel. Kann er's mir denn jetzt nicht lassen.

13. März [1901]

Gestern abend mit H., Somi, Hallwig durch die illuminierte Stadt zum Zirkus. Mir gehn immer mehr die Augen auf, seitdem ich in Griechenland gewesen bin. Ich habe früher nie so gesehn, wie abscheulich häßlich alles Moderne ist, Häuser, Treppen, Türen, Straßen, als ob man früher blind gewesen wäre. Gestern abend auch, alles Kitsch — — die Raketen an der Bucht von Samos, die zum Stadthausfenster hinaus ins Meer schossen. Somi ist reizend, ich könnte sie sehr lieb haben. —

Abends im Bette große Stimmung — Roman, malen. — Den großen Rolf getroffen, das war wirklich eine warme Freude, etwas Heimatliches. Wir hatten uns so lauge nicht gesehen.

Am Roman geschrieben. Pensionszeit. In der Zwischenzeit einiges dazu gelernt in bezug auf Stil etc.

Abends hinunter, Zigaretten und Veilchen gekauft.

14. März [1901]

Ein Stück Roman und etwas Griechisch. Todmatt, schlafe alle paar Stunden, möchte im Bett liegen und den lieben Gott guten Mann sein lassen.

Sehnsucht nach Samos und H. Ich hab' ihn jetzt so wenig und brauche ihn so sehr. Wenn ich einen hergeben müßte — Monsieur herzugeben wäre ein großes Zerreißen, H. — Unmöglichkeit. Ob nicht zwischen uns beiden noch einmal etwas wie Schicksal wird? Er fühlt noch nicht, wie ich an ihm hänge. Monsieur vergesse ich zeitweise ganz, so wie jetzt — brauche ihn gar nicht.

16. März [1901]

Gestern abend war er wieder da. Heute abend mit Hallwig und H. im Leopold.

Ich fühle mich seit drei Wochen wie eine Leiche, schwitze des Nachts, und es kostet mich Mühe, eine halbe Stunde zu gehen. Arbeiten, lesen, alles geht nicht. Wird wohl nichts anderes sein, als akute Frühlingsbleichsucht.

Die Finanzen kribbeln seit Weihnachten immer lustig weiter. Wenn man immer so durchkäme, brauchte man überhaupt kein Geld.

18. März [1901]

Nachmittags Rolf. — Mir 300 M. geliehen. Schönes Wetter und ich war sehr vergnügt.

Abends mit H. bei Falkenbergs.

19. März [1901]

Alle Tage etwas an meinem Roman. Das ist aber auch alles. Mit den Musikstunden noch nicht angefangen. Es geht jetzt alles nicht, ich verlösche vor Schwäche, möchte mich am liebsten hinlegen und nicht mehr rühren. Trotzdem alle Tage ein bis anderthalb Stunden gegangen. — Abends bei den Ringern.

20. März [1901]

Auch abends bei den Ringern. Zigaretten wieder reduziert, etwas geschrieben. Nach dem Zirkus beinah ohnmächtig.

21. März [1901]

Es schlug an die Scheiben. Heute früh Schnee — fühle mich heute einfach gesund, ob es vom Wetterumschlag kommt?

Es ist doch eine Komödie. —

Der Schnee weht an die Fenster. Ich habe den ganzen Tag mit niemand gesprochen: Nur vorhin kamen Adrian und Somi vors Fenster und fragten nach Henry. Ich habe Somi sehr gern und bin manchmal sehr eifersüchtig.

So ganz einsame Tage sind doch etwas Herrliches.

26. März [1901]

Es war wieder während der letzten Zeit innerlich irgend etwas nicht in Ordnung. Wieder einmal stand das Gespenst da. Fort mit ihm. Ich siege ja doch. Über alles. Auch über ihn. Donnerstag auf Freitag war er da.

Es schreit nicht mehr in mir nach seiner Liebe, manchmal schweigt es ganz.

Es schreit nur nach Liebe überhaupt.

Lese Bettina. Goethes Briefe an Frau von Stein.

So eine Liebe gib mir, lieber Gott, eine tiefe, heitre Liebe, die durch jeden Tag und über alle kleinen Sachen geht.

Walter? Das war etwas davon. —

Kann mir doch nicht vorstellen, daß es mit Monsieur jemals zu Ende wäre. Aber es wird doch immer nur eine schmerzliche Sehnsucht sein nach dem, was nie war und nie sein wird. Und brennende Momente.

Ich habe ja mein Kind. Ich fühle aber auch die Geliebte, die ich sein könnte. Die wird wohl nie ganz zu ihrem Recht kommen. —

Bubi behandelt ihn konventionell: «Nehmen Sie einen Platz, Herr Doktor. Hundi, nehmen Sie auch einen Platz» — holt sich seinen kleinen Schemel, setzt sich vor ihm hin und macht Konversation, sucht die Beine überzuschlagen wie er. —

Erste Gitarrestunde. — Was hat mir alles gefehlt, was hätte man alles aus mir machen können. Und ich muß im Mai dreißig Jahre alt werden. Es ist, als ob wieder ein neuer Feind vor mir aufstände.

Bei allem denke ich jetzt: Aber Henry ist ja da. Daß er gekommen ist, möchte ich dem Schicksal auf den Knien danken. Wenn er in der Nähe ist, wird alles froh und hell, der große, gebende, schenkende Freund.

30. März [1901]

Ich habe viel zu wenig Liebe in meinem Leben gehabt, und wer hätte sie wohl so gebraucht wie ich? Und braucht sie noch? — Busses Charakteristik. — Sie ahnen doch alle nichts von mir.

Alle miteinander. —

Vers von Walter:

,,Ich kenne es wohl, dein Herzeleid,

Verfehltes Leben, verfehlte Liebe.» —

Das verfehlte Leben will ich streichen. Das stimmt nicht mehr. Das andere —

Ein paar ganz nichtssagende Tage, herumgedöst, Gitarre geübt, Zigaretten geraucht — ich bin wieder mit allem aus dem Geleise gekommen und könnte weinen, wenn die Zeit mir so vorübergeht.

Hallwig erzählte mir, daß er aufs Land will, und mir kommt mit einemmal auch solche Sehnsucht hinaus.

5. April [1901]

So bin ich mit hinausgefahren. Henry war am Nachmittag bei mir, und ich packte meine Sachen zusammen. Wir fuhren gemeinsam an die Bahn. Bald ein Jahr, daß wir beide zusammen in die Welt hinausfuhren, es war ganz sonderbar, daß ich diesmal allein im Kupee war. —

— Bubi, sag' Gitarre. —

— Das kann nicht Mausi sagen.

Aber «Regenwurrm» kann Mausi sagen.

Auf dem Land. — Sturmabend. — Hallwig und ich auf der kleinen Höhe vor dem Muttergottesbild mit der ewigen Lampe. Dann im Tannenwald.

Drei schöne, weltferne Tage. Dann holte mich Henry ab und wieder nach München.

Freitag, den 19. April [1901]

Frühlingswetter, alles wird grün, die Vögel singen, es wird Sommer. Ich lebe auf, sobald nur Sonnenschein da ist. Viel auf dem Sofa gelegen. Akkorde geübt und in den Emanuelbriefen gelesen. Macht es der Roman, daß ich jetzt soviel in der Vergangenheit lebe? Wie ich mein Leben liebe, jene Jugend selbst und das jetzige. Es ist so, als ob ich nun wieder so würde, wie ich damals war, so voller Pläne und Hoffnungen. Eigentlich hat sich mir doch alles erfüllt, und in all den Stürmen ist nichts verloren wie ein bissel Kraft. Die hätte ich auch bei einem ruhigen, stumpfsinnigen Leben hingegeben.

Nun gehe ich aber hinaus in die Landeinsamkeit, den ganzen Sommer. Da will ich ganz zu mir kommen unter dieser Arbeit, die auch ein Lebenswerk ist. Aber dann soll erst das Wahre kommen. In den letzten Jahren hab' ich die Fühlung mit mir selbst verloren, die kommt jetzt wieder. Ich wußte gar nicht recht mehr, was ich eigentlich war vor lauter Hetze.

Samstag, den 20. kam Monsieur zurück.

Hallwig war da, und so ging er wieder.

Gestern wieder da, wir wollen nächstens einen Abend zusammen ausgehn. Früher war es ein seliges Martyrium, diese Liebe. — Was ist es jetzt? —

Es ist anders geworden, es brennt nicht mehr so —

Ich träume manchmal wieder von dem Messias, der immer noch nicht gekommen ist. Der ist es nicht, aber ich liebe ihn und kann von ihm nicht lassen.

Montag, 22. April [1901]

Bubi hat heute ein weißes Kleidchen an und Strohhut auf. Das Kind ist mein unermeßlicher Reichtum.

Gestern Abend mit H. im Leopold. Das ist wieder so etwas ganz anderes. Alles, was mir auf der andern Seite fehlt. Wenn ich mir aus all den Menschen, die ich habe, den zusammenschmieden könnte, den ich nicht habe! —

Am Kochelsee, einen Nachmittag auf dem Balkon gesessen und soviel geträumt. Großes, leeres Hotel, mitten im Einrichten. Darin schliefen wir, am nächsten Morgen mit der Post nach Urfeld, Jachenau, durch die Jachenau nach Lenggries. Mir war so unendlich einsam zumut, ich fürchte mich jetzt vor dem Gedanken, den ganzen Sommer allein zu sein, mich so ganz einzuspinnen in mich selbst und meine Gedanken. Allein, immer allein. Ich möchte wieder mit H. in die weite Welt fahren!

Sonntag, 28. April [1901]

So bodenlos melancholisch. Als ich aufwachte, sah ich lauter Gewitterwolken, so eine Frühlingsgewitterbeleuchtung. Mir wurde so wehmütig, ich sehnte mich nach H. und nach Tigani. Es leuchtet immer mehr in meiner Erinnerung.

In den nächsten Tagen nicht aus meinem Atelier heraus. Die Sachen in zwei öden Zimmern in der Belgradstraße untergebracht und dann wieder hinausgetrieben.

Ich habe keine Heimat, aber mein Kind, mein Kind.

4. Mai [1901]

Kolosseum. Fiakerfahrt durch die hellen Straßen. Mir die Hände geküßt, mich so sonderbar angeschaut. Und der Rausch. Und heute so wenig müde. Die ganze Welt erotisch durchleuchtet.

Mit Hallwig vormittags lange im Englischen Garten.

Das dauerte tagelang. —

Montag, d. 5., Abschiedsabend, die Wohnung schon halb ausgepackt mit Puttis Hilfe. Wir gingen um neun ins Noris, Monsieur dann heim, um nach seiner kranken Mutter zu sehn, kam dann noch einmal wieder. Nachtgespräch. —

«Sie haben kein Recht mehr auf Empfindungen — und wenn man sie auch hätte, so will man sie eben mit Gewalt niedertreten und herabziehen, weil Sie das Recht darauf verscherzt haben.» —

8. Mai [1901]

Dienstag Umzug, todmüde. In der neuen Wohnung alles durcheinander und durchgeregnet. So nahmen Bubi und ich uns todmüde an die Hand und schoben zu Adrians. In eheliches Drama hinein. — Nach zweistündigen Vermittlungsversuchen todmüde mit Bubi auf Diwan geschlafen. Unbequem, kalt, greulich. Um halb sieben auf und zu H. Halben Tag bei ihm auf dem Bett gelegen. Wie breche ich leicht zusammen. Von den paar Tagen ganz fertig.

Wartete nachmittags auf H., der mir Geld bringen sollte. Kam erst um halb sechs mit der Freudenbotschaft, daß er jetzt das große Geld bekommt. Herrgott, Herrgott, als ob einem ganz langsam ein Riesenstein und viele kleine Steine vom Herzen fielen. Geld ist jetzt Freiheit für mich. Soll es nun doch noch alles kommen? Ja! es soll und ich will. Denn das gehört auch dazu. Ich konnte es erst nicht begreifen, dann hätte ich am liebsten diese Hände geküßt, die mir alles wiedergeben. So bleibe ich denn auch diesen Abend noch, erst mit Bubi Besorgungen gemacht, dann mit H. auf seinem Atelier gegessen und mit ihm und Hallwig im Noris. Mir war ganz fern und verklärt zumut und dabei so müde, daß ich alles nur wie aus weiter Ferne hörte. — Dann heim, todmüde.

Am nächsten Morgen im Bett Kaffee. Ach, so gepflegt und verwöhnt werden.

Dann kam Hallwig. Mit ihm und Henry im Leopold, draußen unter dem Zelt. Sie brachten mich beide an die Bahn, es war schönes, goldnes Wetter nach all dem Regen. Ich hatte Heimweh und wäre gern dageblieben.

Auf der Fahrt kam allmählich die große Freude und Ruhe zum Ausruhn.

Die Nacht in Tölz wie wahnsinnig geschlafen. Früh beim schönsten Wetter nach Lenggries.

Nun ist alles so, wie ich es haben möchte, großes Zimmer mit niedrigen breiten Fenstern aufs Gebirge, alles einfach und landmäßig. Mir ist so wohl, nur noch etwas apathisch von dem allzu vehementen Schlafen.

11. Mai [1901], Samstag

Gestern um neun zu Bett. Das Training für den Roman begonnen. Heute vormittag schon ein paar Stunden daran gearbeitet. Ich glaube, die Arbeitswut kommt bald. Der bloße Gedanke, damit durch zu sein. —

Abends von fünf bis sechs mit der Maus peripato. Die Seligkeit über kleine Lämmer und ein Füllen.

«Das ist ein Maushippi und ein Mamaihippi.» — Auf dem nächsten Feld nur ein alter Gaul.

«Ach, das arme Mamaihippi hat keine Maushippi. Aber es will doch ein Maushippi haben — nicht wahr?»

Sonntag, 12. Mai [1901]

Den ganzen Vormittag im Isartal. Alles ist Frühling und Sonnenschein. Mein Gott, ist es schön. So hell und frisch und jung, ein wahres Schwelgen. Und das braune Götterkind. Nachmittags im Garten geschrieben. Dann noch einmal denselben Weg. Große, tiefblaue Enziane gefunden und eine goldige Blindschleiche. «Mausi, du darfst Schlangen nicht anfassen.» — «Aber Mamai darf doch Schlangen nehmen und Schlange Bussi geben.» —

Deine Mamai hat mancher Schlange Bussi gegeben. —

Montag, 13. Mai [1901]

Bis Wegscheid, ca. eine Stunde, mit dem Bubi etwas länger. Und er lief so tapfer und freute sich so an allem in seiner süßen Kinderfreude. — Auf dem Rückweg sahen wir, wie ein Hirtenjunge mit einem großen Stock auf einen jungen Ochsen losschlug. Das machte ihn ganz wild: «Du böser Bubi darfst nicht auf den Ochsen haun.» — Und den ganzen Rückweg: «Der arme Ochs, nich?» —

Dann kamen wir überein, daß der arme Ochs jetzt zu seiner Ochsenmama käme, die ihn pflegt und ihm zu essen gibt.

Die kleinen Wirtsmädchen haben nicht viel Sinn für den Bubi. Sie liefen ihm weg, und er heulte furchtbar: «Alle Mädel laufen weg.» Dann erschien eine auf dem Balkon. Und er rief ganz verzweifelt und schmerzlich hinaus: «Mädi, Mädi, du magst doch nicht den Bubi.» —

Nach einiger Zeit: «Mädi, willst du mit Bubi spielen?» —

— «Jo!» —

«Mamai, Mädi mag doch Bubi.» —

Dienstag, 14. Mai [1901]

Heute fällt mir auf einmal ein, daß dies eigentlich der allererste ruhige, frohe und zukunftshoffende Sommer ist. Ich liege mit dem Bubi draußen mitten im Grün mit all seinen tausend Blumenwundern wie in einer Märchenwelt, den ganzen Morgen. Dazwischen gehn wir ein Stück, dann legen wir uns wieder ins Gras, eine Prozession kommt vorbei, entzückende Buben, alt aussehende kleine Mädchen in verkrüppelten Kleidern mit sehr eng zusammengedrehten Haaren, dann Erwachsene, Krüppel, darunter knorrige, verbogene Arbeitstiere mit schwerem Gang. Sie leiern und schreien ihre: Heilige Maria, Mutter Gottes, du Gebenedeite unter den Weibern. Dann ein Pfaffe, der so dabei schreit, als ob ihm die Welt gehört, Chorknaben. Sie gehn lallend durch die blühende Welt, und wir liegen daneben im Gras. Sie sehen uns mißfällig au, so: «Was habt ihr da zu tun, wenn ihr nicht mitbetet.» —

Zwischen Heidekraut große, blaue, leuchtende Enziane, die etwas von schönen, hochmütigen, kalten Frauen haben. Wir pflücken Bubis ganzen Hut voll, um sie H. zu schicken. Herein in unser Dorf. Eine Schafmutter, die «ihren Mausi pflegt». Bubi ist nicht wieder fortzukriegen — «sieh mal, der kleine Bengel» — sagt er.

Wir beiden sind die Welt, was gehen uns die andern an — du Einziges, wahnsinnig Geliebtes. Warum leben wir nicht immer so allein? Er läuft zu jedem Kruzifix und schreit: «Sieh mal, Mamai, ein Krotos.» — Ich habe ihm einmal gesagt, das ist Christus. Aber er nennt es hartnäckig Krotos.

Mich freut jetzt meine Arbeit — ich mache jeden Tag ein Stück und übe Gitarre. Mich freut alles, ich bin glücklich!

16. Mai [1901]

Was war heute nacht meinem Kind? Es taumelt mir mit einemmal in die Arme und schreit und weint laut: «Mamai, mach Licht.» —

Und dann saß er mir erschrocken auf dem Arm und sah erschrocken um sich und ins Zimmer hinaus und sagte: «Jetzt kommt's wieder!» — als ob er irgendein Entsetzen fühle vor dem Leben, so daß ich mich mitfürchtete.

18. Mai [1901]

Mein Geburtstag. Nicht wohl und gesponnen. Traurig, weil Henry nicht kam.

Ein paar Tage Halsweh. Heute morgen stark gehustet und etwas Blut gespuckt. Ich hab' mich blödsinnig erschrocken. Vielleicht war es nur von der Anstrengung, denn jetzt tut nichts mehr weh. Der Doktor hat noch im Frühjahr behauptet, es ist nichts an der Lunge, nur eine Narbe. Aber mir ist doch etwas bange.

25. Mai [1901]

Es ist doch verrückt. Ich träumte von ihm schon ein paarmal, aber heute mit besonderer Intensität. Und mittags liegt ein Brief da.

Wie es wieder alles in mir aufwirbelt. Er hätte die Tage herkommen wollen, vermutet aber zuviel Besuch bei mir. Gewitterluft draußen, und mir ist sonderbar schwül und unbehaglich zumut.

Ach, wenn die Schreiberei fertig wäre! — Sudle alles nur so hin, um arbeiten zu können. Chaos — wie beim Brotbacken, wenn das Mehl nicht in den Teig hinein will. Und gleich wieder nervös, gleich wieder das Überarbeitungsgefühl. Bin jetzt bei der Emanuelfrühlingszeit. Zehn Jahre her. Was für zehn Jahre.

Mittags Henry, der liebe, gute, einzige, wohltuende, schenkende. — Maus und ich ihm entgegen, als er glühend heiß und halb ausgezogen um die Ecke kam.

Donnerstag, den 30. Mai [1901]

Fast den ganzen Tag Henry Roman vorgelesen, die Nacht fast Seekrankheit, heute ganz hin. War aber doch ein so schöner Tag, der mir wieder ein ganzes Stück vorwärtsgeholfen hat. —

5. Juni [1901]

Es geht mächtig weiter. Arbeite vormittags und nachmittags im Garten, dann Spaziergang mit Bubi, manchmal abends oder in aller Früh' auch noch allein. Fange wieder an, energisch zu werden. Dazwischen Gitarre üben. Für Briefe etc. finde ich kaum mehr Zeit.

Ich: Du gutes Kind.

Er: Du bist ja auch ein gutes Mamai. —

Der «Herr Oberkontrolleur» nahm ihn nachmittags mit zum Spazierenfahren. Die Seligkeit!

Nachher fragte ich ihn, ob er mitgehn wollte oder nur mit dem braven Mann fahren. «Nein, Mamai, erst fährt Mausi Fiaker, und wenn Mausi wiederkommt, hat es ein Mamai.» —

Arbeite sieben Stunden am Tag mit Heuschnupfen und Leibweh — aber es geht weiter. Jetzt beim Krach.

6. Juni [1901] abends

Seit fünf Tagen hat ein Kind im Hause Diphtheritis. Der Doktor sagt, ich soll ruhig bleiben. Bubi wäre sonst schon angesteckt, wie er in den letzten Tagen mit ihm spielte. An Henry geschrieben, daß er zum Doktor geht.

Bubi kann heute abend nicht einschlafen und wollte zweimal Wasser trinken. Und ich sitze da, als ob das Entsetzen schon vor mir stände — und fühle, daß mein ganzes Leben an diesem einen Faden hängt.

[9. Juni 1901,] Sonntag

Vormittags mit meinem Göttertier einen herrlichen Gang durch den Hohenburgerpark gemacht. Zwei Pferde mit ihren Kleinen.

Er will wissen, warum die Sonnenblumen am Abend zu sind.

— Die Blumenmamai sperrt sie jeden Abend zu und jeden Morgen wieder auf.

«Die brave Blumenmamai.»

Beim Förster ist eine Hirschkuh im Gehege, die heißt nur «das brave Tier», und ich muß mit ihr sprechen und sage ihm, was sie antwortet. Er glaubt, daß ich mit ihr sprechen kann, lacht aber doch etwas unsicher darüber. —

Recherche de la paternité.

Er hat von den Kindern gehört, daß es Papas gibt und sagt Papa, Papa.

Wo ist denn dein Papa? — Nachdenken: «Mamai ist Mausi sein Papa.» —

Abends fragt er noch einmal an:

«Reserl hat einen Papa, Mausi hat doch keinen Papa.

Die Frau hat gesagt, ich muß auch einen Papa haben.» —

— Du brauchst keinen. —

— «Nein, aber Reserl braucht einen Papa.» —

— Nicht wahr, du willst doch nur eine Mamai haben? —

«Und ein braves, kleines Hipp.» —

21. Juni

Brief von Muckl. Réveil.

Wie bin ich noch jung, ich werde nie alt.

Eigentlich lebe ich jetzt so ganz, ohne wirklich zu leben. Ich brauche immer Erschütterungen um zu fühlen, daß ich lebe. Sonst gehe ich so im Dusel dahin.

Morgen nach München. O Menschenherz — jetzt regt es sich doch wieder. Ich glaube ja immer wieder, daß es vorbei ist, wenn ich ihn nicht sehe und bin froh — und noch viel froher, wenn ich wieder fühle, daß es doch nicht vorbei ist.

26. Juni [1901]. München

Spät angekommen, Hotel Deutscher Kaiser. H. an der Bahn. Wollte so vieles mit ihm reden, kam aber Dr. P. dazu, bis eins im Cafe Habsburg.

Unruhige Tage. Donnerstag abend mit Hallwig und H. Noris. Samstag nach Murnau, H., Somi und ich. Bei großer Hitze dort gleich gebadet, nachher gerudert. Ich, Baschl und Bubi über den See gefahren, an Jugendzeit gedacht, wo ich den halben Tag auf dem Wasser war. Büsum. Die Zeit der «tollen Fanny».

Abends auf der Promenade. Bubis Entzücken über die schönen Frauen und Kostüme; er sollte sagen, wer die schönste wäre.

«Das kann Mausi nicht, Mausi ist zu müde.» — Und am nächsten Mittag: «Jetzt sind die Frauen nimmer schön.» —

Das Sonnenwendfest wirklich ein Fest, wenigstens für mich. Ums Feuer gelegen und getanzt, das Gewand halb zerrissen. Durch den Tau die Abhänge hinabgerollt. Mit einer kleinen Malerin im Holzkorb geschaukelt, ganz lange Zeit.

«Sie sind wundervoll, Gräfin,» sagte sie — «was haben Sie für einen Mund. Und dabei hab' ich Sie noch nie gesehen.» —

Paulchen, mein Sklave, mußte mir Bowle kredenzen und bekam meinen Fuß auf den Nacken, fühlte mich den Abend inspiriert und redete mit Zungen.

Dann unruhige, unerfreuliche Münchner Tage, aber die Feststunden gingen mir noch zwischen den andern durch.

Letzten Abend mit Monsieur, aber so kühl, d. h. ich. Konnte ihn absolut nicht leiden. Platonisch geschieden. Mit Erleichterung wieder hier hinaus. So möchte ich's immer, Einsamkeit und dazwischen ein schöner Rausch.

— Jetzt, wo ich das Arbeiten con amore angehn lasse, merke ich erst, was für eine Gefahr es war, mir den ganzen Sommer mit dem gezwungenen Arbeiten zu verekeln und was für ein andrer Mensch ich bin, wenn ich nicht schreibe. Beschränke es jetzt auch auf ein paar Nachmittagsstunden, und gleich ist die Sommerfreude wieder da. Morgens und abends mit der Mausi durch Dörfer und Felder. Blumen gepflückt, Pferdchen gespielt. Und das Wetter ist wieder schön. Nachts wildes Gewitter. Ich war lange am Fenster und schlief nachher bis in den Tag hinein. —

Morgen Jahrmarkt. Rolf den ganzen Nachmittag bei einer Bude gestanden, wo Spielsachen ausgepackt wurden. Mir selbst macht es auch einen kindischen Spaß, Kinderzeit — Husumer Jahrmarkt. Jetzt ist er in großer Angst, daß morgen die Spielsachen wieder weg sind.

Wieder Diphteritisangst — will jetzt von hier weg.

Henry kommt nicht, obgleich er mir's bestimmt gesagt hat.

Er ist ganz Somi, und ich komme mir wieder um ein ganzes Stück einsamer vor. Und hab's doch vorher gewußt.

Nicht einmal ein Wort, daß er nicht kommt. Es tut mir sehr weh. Das, was ich fest an ihm zu haben glaubte, geht auch fort. Ich werde immer wieder ganz in mich zurückgeworfen. Ich hab' die Maus, was ist dagegen alles, was ihr andern habt.

10. Juli [1901]

Den nicht ganz leichten Entschluß gefaßt, fortzugehen — hier war mir so wohl. Aber wenn er einmal gefaßt ist, kommt wieder das Vagabundenfieber, nur weiter, anders wohin, Gott sei Dank etwas Neues. Das wechselt ab mit der Sentimentalität. Es war doch so schön, so ruhig hier, mein schattiger Garten, die Religions- und anderen Gespräche mit dem Oberkontrolleur. Am letzten Tag noch mit der Maus im Heu gelegen und ein Bild gesehn, dunkelblaue hohe Berge, davor eine lichtgraue Wiese, in der ein schwarzer Hund wühlt, mittendrin. Der Hund wühlte nämlich wirklich, auf dem Bild müßte er etwas von einem Ungeheuer haben, mitten in dieser glühend schönen Sommerwelt.

Früh nach Benediktbeuren. In Tölz lauter greuliche Krankengestalten. Mir ekelt so vor allen lazarettartigen Menschen. Und war doch selbst mal einer, aber mit dem Trost, daß es damals eigentlich ein schönes, ästhetisches Krankenlager war. Sie kamen alle zu mir, wenn sie lachen wollten und nannten es den «Salon Reventlow».

Benediktbeuren — Gott weiß warum man manchmal die Hysterie hat: hier kann ich nicht bleiben. Nur das Kloster lockt mich mit seinen Arkaden und schweren alten Gebäuden, dazwischen wundervolle Höfe mit hohem Gras und wilden Blumen — und ein kleiner Friedhof, Kindergräber. Und neben mir läuft das kleine Leben, das blühende.

Aber die Zimmer in der Klosterschenke sind schon vergeben. Aus Wut darüber beschlossen, weiterzufahren. Am Abend mich in Kitschroman «Zur guten Stunde» vertieft. Das hab' ich manchmal gern, all diese furchtbar gesellschaftlichen Geschichten, wie Klänge aus alten Zeiten, nervenberuhigend.

Vor dem Fenster eine blühende Linde. Die Maus und ich aus Sparsamkeit  so in einem Bett geschlafen, mit einiger Angst berechnet, wie weit ich noch reiche, bis Geld kommen kann. Um vier Uhr auf, halb sechs zum Bahnhof. Alles in Morgennebeln, die Berge nur in Umrissen dahinter, und der Nebel funkelt in der Sonne.

Halb sieben Degerndorf. Aufs Geratewohl ausgestiegen. Rechts an der Bahn ein entzückendes Dörfchen, das ganz abgeschieden aussah. Aber man konnte nicht hinüberkommen, weil die Loisach dazwischen fließt, und Degerndorf war nur ein Hotel am Abhang.

Ein Zimmer genommen und ein paar Stunden  geschlafen.

Mittags nach Hohenschäftlarn. In der Bahnhofsrestauration abgestiegen. Man braucht nicht nach Griechenland zu fahren, um schmierige Hotels, zudringliche Leute, atmende Sofas und unheimliche Betten zu finden. —

Ich war ganz deprimiert vor Degout. Diese letzten drei Stationen, dies einbegriffen, überhaupt in einer ganz andern Welt, die ich bis jetzt eigentlich noch nie kennen gelernt habe. Es scheinen die typischen Sommerfrischen des schiefgetretenen, lahmen, buckligen, verkümmerten Kleinbürgertums zu sein, lauter mißratene Gestalten, die man einstampfen sollte, statt sie wieder aufzufrischen. Pfui Teufel. Es ist, wie man manchmal an Festtagen so viel schiefe abscheuliche Gesichter sieht, die nur dann einmal aus ihren feuchten Kellern hervorkriechen. — —

Heute nachmittag fing's denn glücklich an, mir über diese Ahasverfahrt komisch zu werden, denn hier bleibe ich auch wieder nicht. Es scheinen auch in dem «Hotel» verschiedene Proletarierfamilien dauernd zu wohnen, in eine Häuslichkeit sah ich von der Treppe hinein. Und die Wirtsleute, die Kellnerin, die sich beim Essen mit beiden Armen vor uns auf den Tisch legt und Konversation machen will. Es kommt auf das Wie an, aber es ist so die schmierige Zudringlichkeit, die ich nicht ertragen kann.

Als wir aufgestanden waren, setzte sich ein Dackel auf Mausis Stuhl und trank sehr säuberlich seine Milchtasse aus und schleckte dann die Butter vom Teller. Aber Bubi lachte so süß immer wieder: «Das brave Hundi hat Mausis Milch ausgetrunkt.» —

Nachmittags ins Dorf hinauf Zimmer suchen, aber nichts zu haben. Wahre Idyllen von Häusern, mitten in Wiesen mit Bäumen. Ein kleiner, grünbewachsener Teich, aus dem die Unken «mit süßem Tiefsinn sangen». Auch einige Interieurs zum Malen.

Abends, als die Maus im Bett war, noch ins Kloster hinunter. Durch den Wald hin und zurück. Etwas gegruselt und rasch gegangen. Wie bin ich schwach, von dem bissel Steigen ganz in Schweiß und Herzklopfen. Nachmittags in meinen Koffer gefallen, als ich etwas herausnehmen wollte. —

Jetzt aus dem Balkon, am Himmel der Abendstern. Unten der Bahnhof mit seinem Gerassel. —

12. Juli [1901]

Noch 2 M. in meinem andern Portemonnaie gefunden.

Morgens mit Maus nach Icking gefahren, in all den kleinen Bauernhäuschen nach Wohnung gefragt und wieder schon alles vergeben. Ein Häusl, das nur aus einem Zimmer bestand, wie in Schwabing, war aber nichts zu machen. Später nach Ebenhausen, wieder ideale Winkel, sympathisches Gasthaus mit Lenggries ähnlichem Garten, aber alles voll. Traf dort Frau Dr. I. und besuchte sie. Es gehörte eigentlich Frechheit dazu, da sie Interna von meiner Scheidung etc. gehört hat. Fragte auch, als sie mich ihrer Tante vorstellte, ob ich —.

Die Frau hat sehr viel Liebe.

Zu Fuß nach Hohenschäftlarn zurück. Durch den dunklen Wald und über heiße Felder, wo wir im Heu ausruhten. Abends trotz unserer beider Müdigkeit ins Kloster hinunter. In der Brauerei glücklich noch einen Unterschlupf gefunden. Bin ich froh! Auf 80 Pf. für uns beide heruntergehandelt. Auf dem Rückweg überlegt, morgen die Wirtsfrau anzupumpen, um hier zu zahlen und dann hinunter, morgen schon — wenn Henry morgen kein Geld schickt. Hier kann ich's nicht ertragen. Der Garten ist abscheulich ungemütlich, auf allen Tischen wälzen sich Kinder, Hühner, Hunde herum. —

Abends gab ich der Frau des Hauses ein paar Asthmazigaretten, die entschieden freundlichere Stimmung hervorriefen, nachdem wir uns nachmittags über den schlechten Kaffee etwas zerkriegt hatten.

13. Juli [1901]

Samstag mittag hinunter. Nach dem Essen unter die große Linde unten in den Klosterhof gesetzt und geduselt. Sonntag menschenvoll und ungemütlich, sonst ist es herrlich hier.

14. Juli [1901]

Die Böhlaugesellschaft kennen gelernt.

15. Juli [1901]

Montag Rodi und Putti. Nachmittags wir alle vier in der Isar gebadet. Abeuds Hallwig fort. Die beiden Baby in einem Zimmer hier geblieben. Ich begleitete Hallwig ein Stück, stand dann lange am Abhang.

Abendstimmen im Gras, unter dem Wald ein Gewitter. Wetterleuchten, ich dachte an Heimat und Leben. Da kam mit einmal das Gefühl, als wenn ich nicht alt würde und einmal mit alten Augen das alles schauen müßte — ich bin jung durch das Leben gegangen, hab all seine Rätsel und Schauer gelernt und gelebt und wirklich gelöst und möchte nie mehr wünschen, nicht gelebt zu haben. Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich.

16. Juli [1901]

Wieder am Roman gearbeitet. Mit der Maus gebadet, abends der armen Maus heiße Milch über die Beinchen gegossen. Spät durch die Wiesen im Nebel gegangen. So einsam.

17. Juli [1901]

In der Isar. Immer ein tiefes Grauen vor dem Wasser, das ich jedesmal überwinden muß.

Alle Tage geschrieben, Roman rückt vor, aber nichts Rechtes.

Mittags auf zwei Stunden nach München. Mit Muckl im Glaspalast getroffen, auf Sonntag verabredet.

Samstag, 20. Juli [1901]

Hineingefahren, mit Rucksack und Bubi in die Belgradstraße gezogen. Dort alles in Unordnung. Abends Putti, Rodi, Hallwig, Busse im Salvator.

Henry fort, er gleitet immer weiter fort, jetzt auch von mir. Monsieur in der Ferne gesehen.

Muckl doch nicht gekommen, alle, die ich treffen wollte, verfehlt. Nachmittags bei Bernhards. Auf dem Sofa während des Gewitters geschlafen. Abends zurück. In Großhesselohe den Zug verfehlt. Nachher der Pater von Schäftlarn, der mir den Rucksack heruntertrug und eine Zigarette bekam.

26. Juli [1901]

Unabänderlich. — Traum, daß eine Postkarte aus Tegernsee kam und einen ganzen Abend froh, daß ich ihn wiederhabe, nachdem ich ihn so lange nicht mehr haben wollte.

28. Juli [1901]

Das sind doch nur noch Rückfälle, die eigentliche Krankheit ist vorüber. Den Mann hab' ich doch geliebt, d. h. ich war wieder einmal das Medium für die Liebe oder vielmehr für die Leidenschaft, Erotik. Hallwig sagt, das wäre heidnisch, dieses nicht die Person lieben, sondern die «Liebe, die sich ein Medium sucht». Für mich ist nur einer «der Eine».

Und dieser. — Es ist jetzt nur mehr ein Spiel, das mich freut. Wir trennten uns wieder ohne das Ende. Ich haßte ihn, fand ihn lächerlich klein, verächtlich-geschmacklos. Dachte, ich hole mir morgen eine Reitpeitsche, und wenn du wiederkommst, schlage ich dich ins Gesicht. — Ich sehne mich danach, ihn ins Gesicht zu schlagen. Ich bin wie das Daudetsche Maultier, das sich seine Fußtritte sieben Jahre lang aufsparte.

Früher war er anders, er hat alles verloren. —

Die Stunde abends an dem Hotelfenster, allein im Mondschein, drunter die große Uhr.

Der Fremde, der vor der Tür stand und auf mich wartete.

«Ich wußte, daß Sie kämen. — Ihre Augen haben so sonderbar zu mir gesprochen, ich habe noch nie solche Augen gesehen. — Ich weiß nicht, wer Sie sind, und ich werde nie begreifen, was Sie sind.» —

Dann bei meinem Kind. Es fühlte, daß meine Seele erschüttert war.

«Wein' nicht, Mamai.» —

Und dann ganz von selbst:

«Der böse große Henry.»

Er weiß so gut, wie weh mir H. getan hat — daß er mich wieder allein läßt. Er selbst weiß nichts davon.

Ich hätte ihn so sehr gebraucht diesen Sommer.

31. Juli [1901]

Am Roman. Drückend heiße Gewitterluft. Mit Anita Augspurg herrliche Abendbäder in der Isar bei Sonnenuntergang. Das unheimlich lockende Wasser. —

Geldschwierigkeit.

Ich will nun wieder nach München zurück, mir meine Wohnung einrichten. Darauf freu' ich mich. Aber es ist schwer, arg schwer, von dem schönen Sommerleben da draußen Abschied zu nehmen.

Arg schwer.

Symbolische Handlung der Maus.

«Großen Henry Kopf abschneiden.»

Er schneidet ihn in Stücke, erst die Ohren, dann Gesicht, Kopf, Beine.

Er spielt mit Omar al Raschid, genannt das Bobbele. Sie kriechen zusammen in eins der Riesenfässer, das braune und das blonde Kind.

Steckt den halben Tag im Schweinestall und kennt jedes Schweinchen. Die Frau, die die Tiere besorgt, heißt die Schweinemama und liebt ihn sehr.

Dann kommen mit einmal wieder Menschen in meine innere Einsamkeit.

Hallwig — morgen Henry, dann Onkel Kêf.

Hallwig gehört zu mir, lebt mit uns, die andern erinnern sich von Zeit zu Zeit, daß ich lebe und irgendwo bin.

5. August [1901]
München. Hotel Deutscher Kaiser

Gestern kam H. Es war ganz wie sonst und doch ganz anders. Er lebt nicht mehr mit uns und mit mir. Ihm ist das alles so fremd oder mehr oder weniger gleichgültig. Meine Hoffnungen sind nicht mehr schön, seit er keinen Teil daran nimmt. Er hat ganz vergessen, daß ich in diesem Monat mit Malen anfangen wollte, fragt nicht danach und merkt nichts davon.

«Polling wäre sowieso nichts für mich gewesen.» — Ich verstehe das Gefühl, daß er mich dort nicht haben möchte. Ich bin für ihn verschollen. —

Aber ich weiß, daß das Leben mir immer nimmt, nur eines, wo es gibt — mein Kind. —

Kêftage. Wohnung eingerichtet. Mit Kêf in den Ausstellungen, Pinakothek etc. — endlich einmal wieder. Er so gemessen — halb schmerzlich.

Kêf sagt, meine Augen wären noch schöner geworden.

9. August [1901]

Freitag noch einmal nach Schäftlarn. Mit Anita Augspurg abends im Dunkeln gebadet und vormittags in heißer Sonne. Und dann zurück nach München.

Vom Sommer Abschied, aus all der glühenden sonnigen Welt zurücksinken. Mir ist innerlich so grau und steinern zumut zwischen all den Häusern, ich habe so brennendes Heimweh nach draußen.

Wenn das Geld da wäre, bliebe ich keinen Tag hier, aber so ist's «vernünftiger», es muß sein.

Wie war es schön — in Lenggries vor allem, da war ich so ungestört allein mit dem Sommer. Jetzt ist er draußen, und ich sitze hier und soll schreiben, immer schreiben. Und bin so müde von dem Warten, dem furchtbar vielen Warten, immer wieder dies hinausschieben. — Ich möchte, daß es jetzt schon Herbst wäre, dann wäre ich nicht so traurig.

12. August [1901]

Immer noch an der Wohnung gearbeitet. Jetzt ist sie endlich fertig. Jetzt kommen noch die zahllosen Besorgungen, das Wiedereinrenken ins Stadtleben. Spätestens am 15. will ich zu arbeiten anfangen.

Nun sitz' ich hier allein. Ich habe mich so auf den Abend mit Henry und Hallwig gefreut, der für lange Zeit der letzte gewesen wäre, wo wir alle drei zusammen.

Ich erinnere mich der Szene damals in Murnau noch ganz genau. H. hatte das gemeinsame Baden veranstaltet, indem er eben auch da badete, wo wir badeten, an diesem Morgen mit Somi hinkam, als ich noch im Wasser war.

Das chokierte ihn also nicht.

Ich war allein in der Badeanstalt, nachdem der Russe fortgegangen war, stand nackend in der Tür meiner Kabine. Somi stand in der Öffnung der Anstalt auf den See hinaus und fragte: «Haben Sie sich noch nie modellieren lassen?» H. draußen. Dann ging ich noch einmal so ins Wasser und schwamm hinaus, wo die andern waren. —

H. heute abend, er hätte mir das übel genommen, — es hätte so ausgesehn, als ob ich damit die Intimität mit ihm markieren wollte.

Ich hätte ihn niederschlagen können vor kalter Wut. So hat mich noch kein Mensch gekränkt. Es ist vielleicht das erstemal, daß ich etwas als wirkliche Kränkung empfinde. Nein, ich gehöre nicht zu diesen Menschen, ich bin ganz allein, und es ist eine Mauer zwischen uns, über die hinweg wir uns manchmal miteinander unterhalten.

«Was hast du, Mamai,» fragt die Maus. «Du mußt nicht weinen.» — Er hatte am Nachmittag geweint, weil ein andrer Bub ihn auf den Kopf geschlagen hatte.

«Großer Henry hat mich auf den Kopf geschlagen.» —

«Der böse große Henry.» —

«Schreien wirst du einst: ich bin allein.» —

Es kann mich aber doch nicht besiegen, auch die Einsamkeit nicht. Die wird einmal mein letzter Geliebter sein, der mir am wehesten und am wohlsten tut.

Die abscheuliche Stadt. Wieder ein Heim bauen, das doch nicht lange stehen bleibt.

Die tausend ermüdenden Gänge, das viele «Erledigen» und Niefertigwerden, nie ungeteilte Tage. Soviel Ekel, Nervosität, Unruhe.

14. August [1901]

Wildenroth. — Die verzauberte Halde im Wald. —

Ich konnte mit einmal lachen, es klangen so viele Saiten in uns.

«Sie sind heute ganz die kleine Fanny,» sagte Hallwig. Das Gefühl des Verliebtseins. — Wir waren beide so jung den Tag.

Hallwig nächsten Tag fort.

Abend mit Henry. Große Aussprache. Ich möchte eigentlich, daß es so wäre, aber die Häufung von Nebenumständen entgeht ihm, mein vieles Kranksein, die ganze Häutungsperiode. Was hätte zu andern Zeiten daraus werden können? Vielleicht. —

Ich glaube nicht, daß Somi das Letzte für ihn bedeutet. Und will es nicht. —

Wenn ich die Hände in den Schoß legte, würde ich nach einem Menschen schreien, nach dem, der mir fehlt, Henry. Er fehlt mir an allen Enden, teilt mein Leben nicht mehr so wie damals. Und das war so schön, war so sehr das, was ich brauche. — Nun ist Hallwig auch fort, wandert in der Lüneburger Heide.

Als ob sie alle nichts anderes zu tun hätten, wie mir zu fehlen. —

— Abendgang mit H. über die unheimlichen Wiesen, ferne Vorstadtlichter, weiße Blumen im dunklen Gras. Er frug mich, wir fühlten uns beide durchrüttelt — und am andern Tag soviel Sehnsucht nach ihm. Aber da war die Tür wieder zugefallen. —

Den nächsten Abend wieder, gingen durch die Straßen, in einem Hause schlugen sich Mann und Frau, man hörte die Frau und die Kinder schreien, es ging mir durch Mark und Bein. Ich fürchtete mich so, daß ich die Maus in mein Bett nahm.

Sonntag, 25. August [1901]

So ein seltener Harmonietag. Vormittags mit Bubi in der Renaissanceausstellung. Das kleine Kerlchen wollte durchaus mit «ins große Hausi mit Bildi», stand in dem sonnigen Garten und bettelte und freute sich so, daß er mitdurfte. Ach Göttertier, wenn du immer klein bliebest, manchmal geht es mir so tief durch, was das Kind ist. Wie die kleine Seele sich an mich schmiegt und mich liebt! Da saß er in seinem weißen Kleid mit den bloßen braunen Armen ganz still, während ich herumging. Mir ist es wie eine alte Heimat, Kunst zu sehen, daß ich wieder zu ihr kommen kann. Ich möchte nun alles, alles sehen und lernen und fassen und auch nehmen. Wie dumm lief ich doch früher durch alle diese Sachen. Jetzt sind sie mir viel näher, viel intimer, sprechen anders zu mir.

Dann zum Bad, Essen usw. und daheim mit der Maus so stille, schöne, wirkliche Sonntagsstunden heute mit einem wahren Festgefühl. —

Wie bin ich einsam und wie bin ich glücklich. —

Am Nachmittag Roman gearbeitet, dazwischen wieder draußen beim Bubi. Dann gingen wir durch den Sonntagabend, er paddelte so müde neben mir her.

26. August [1901]

Regen und gleich wieder ganz melancholisch, Gitarre geübt, mit Bubi essen gegangen, ins Leopold. Da überfiel mich mit einmal die Regenstimmung, als ob etwas ausgelöscht wäre. Henry, jetzt ist die schwarze Kralle fort, nun wäre ich frei, nun wäre ich froh und gesund. Und er ist schon wieder weitergegangen. Wie hab' ich mich heute nach ihm gesehnt, so, daß mir alles andre nichts war, nach unserm Leben zusammen draußen im Süden, in der Sonnenwelt. Las in meinem Samostagebuch, macht mich heute so wehmütig, daß ich es nicht aushalten kann. Unser Tigani, gerade jetzt ist es ein Jahr, es war die leuchtendste Zeit.

Somi wieder da. —

Mit ihnen beiden werde ich wohl sehr wenig zusammenkommen. Mein Teil Henry ist dann nicht da, und von S. habe ich nichts. Wenn ich mit ihr zusammen bin, mag ich sie gern, anziehend etc. Wenn sie nicht da ist, mag ich sie nicht.

*

Die Roditage. Schlangenknäuelähnliche Beziehungen, die plötzlich durcheinander geraten.

Ein paar Mal mit Busse zusammen.

Den geknickten Rodi abends an die Bahn gebracht.

29. August [1901]

Wieder eine würgende Angst. Mein Gott, muß gerade dies Gespenst immer wieder kommen. —

Zorn auf Henry.

Mein Bubigott, ich könnte mich vor dich hinlegen und beten. — Wenn er sagt: «Nun wollen wir uns lieb haben» und seinen Kopf an mir reibt mit zärtlichem Gebrumm.

Heute: «Mamai, Mamai, meine Frau.»

Maus, ich hab' nur dich. —

«Ja, du hast keinen großen Henry mehr — und wo ist der böse Hallwig?» — Er weiß all' meine Gedanken.

30. August [1901]

Henry wieder da.

Die Angst ist fort, die Sonne scheint. Ein froher, leichter Tag bis zum Abend. Dann war ich mit H. zusammen, und wie eine Wolke sank es wieder auf mich herab, daß ich niemand mehr habe. Früher trieb ich sie alle von mir, jetzt bin ich allein zurückgeblieben, sie gehen alle ein Stück mit mir, dann gehn sie weiter.

So vieles mit ihm gesprochen. Wenn er nur nicht heiratet — dann wäre mir alles recht — aber der Gedanke, daß er dann gewissermaßen gestrichen ist. —

31. August [1901]

Und heute ist er schon wieder fort. —

Gestern war ich beim Staatsanwalt um Erlaubnis, Panizza zu besuchen. Erfahren, daß er schon entlassen ist. —

*

Manchmal möchte ich wünschen, daß ich schon alt und wunschlos wäre. Aber mein Herz ist noch allzu jung, quälend jung, und die Gesundheit, die mir endlich wieder zurückkommt, macht mich noch viel, viel jünger. Nun möchte ich nur leben, leben jeden Augenblick, mich reut jede Stunde, die nichts in sich hat, mir ist so erwartungsvoll wie in der allerersten Jugend.

*

Morgen Mausi Geburtstag, der vierte. Da lebe ich wieder all die furchtbaren und schönen und feierlichen Stunden und liebe mein Leben wieder und das kleine süße herrliche Leben, das jetzt seitdem um mich ist. — Halleluja, die Maus. —

1. September [1901]

Wir wachten früh auf. «Heute ist Mausis Geburtstag.» Er war so verlegen neugierig in seinen großen Augen. Wir kochten uns Schokolade mit sehr viel Schnee. Dann wird er in den Garten hinausgeschickt. Mildes, wehmütiges Herbstwetter mit etwas Sonnenglanz.

Und als er heimkam, so süß verlegen die Schultern hochzog und sagte: «Ach» und eins nach dem andern fand und sich so freute.

Aber Henry kam nicht — alles vergessen. Ich wollte nicht traurig sein, mein Kindergeburtstag ist ein so großes Fest, das lasse ich mir nicht stören. Damit hat all meine dumme Sehnsucht nach anderem nichts zu tun.

2. September [1901]. Schäftlarn.

Ein Sonnentag. Früh auf, alles gepackt und dann mit einem Freudenschrei weggefahren nach Schäftlarn. Der Sommer ist im Vergehen — wir liefen den ganzen Nachmittag durch den Wald und an der Isar und fanden manche rot und gelben Blätter und ein herbstliches Wesen. Wir wohnen diesmal in der Mühle, haben drei Zimmer und eine Küche für fast nichts. Ich werde gut arbeiten können und habe meine Gitarre. Und nun soll viel geschafft werden, alle Sehnsucht in der Arbeit untergehn und in den Reichtum, den ich habe.

Abends, als Bubi im Bett war, ging ich zum Essen hinunter. Es kam jemand und sagte, er schreie. Er lag im Bett und schrie aus vollem Halse, das Weinen schüttelte ihn nur so.

«Warum weinst du, Mausi?» —

«Weil du mir kein Apfi gegeben hast.» — Ich weiß, daß er deshalb nicht schreit, es war also nur ein Vorwand, den er sich zurecht gemacht hatte, um seine Angst zu verbergen. Er schlief auch lange nicht ein, bis ich ins Bett kam, dann umfaßte er mich mit all seinen Armen und Beinchen und schlief ein. Als ich ihm sagte, daß ich nichts zu essen bekommen hätte, weil er so geschrien hätte: «Morgen bring' ich dir was zu essen, Mamai, bleib' nur jetzt hier.»

4. September [1901]

Um vier aufgewacht frühmorgens, zum Fenster hinausgesehn. Es regnete, in den Ställen brannte Licht, ein Mann mit einem Wagen. Etwas später wurden die Kühe hinausgetrieben mit Geläute.

Als wir ausstanden, schien die Sonne, alles leuchtete naß. Wir liefen durchs Gras auf die Kuhwiesen und pflückten Herbstzeitlosen. Auf dem Balkon gearbeitet. Brief von Hallwig, so traurig, so enttäuscht. Und ich lebe so in einem wundervollen Wechsel von Stimmungen, das seltne Gefühl, daß sich alles in mir spiegelt. Ich glaube, nun kommt immer, immer mehr die Lebensfähigkeit, die ich früher entbehrte. Spinne mich an Regentagen mit Genuß in meine Arbeit und mein Zimmer ein, keine Ratlosigkeit, es ist wirkliches Genießen jeden Tages.

6. September [1901]

Abends bei Anita Augspurg. Nachts langes Zwiegespräch mit der Maus. — Wir beide sind doch so allein, Maus. —

— «Is Hallwig auch fort? Und Rodi auch?

Nein, kleine Maus. —

«Jetzt bin ich nicht mehr klein, jetzt hab' ich kein Datz mehr (sein Datz ist ein Dietzl zum Lutschen). Gestern war ich klein.» (Gestern ist alles Vergangene.) —

Beim Zubettgehn:

«Heute war ich so artig und habe kein Guts gekriegt.[»] — Da mußte ich doch gleich hinlaufen und ihm eins holen.

7. September [1901]

Morgens wollte ich die Maus mitnehmen, er wollte lieber spielen, schwankte: «Du kommst doch wieder, Mamai.» — Ich war so traurig, daß ich sagte: Nein, ich weiß nicht. — Er lief mir mit Tränen nach, und wir weinten beide. Dann wollte er mit ausgehn, und es war so schön wie nach einem Liebeszwist. — Ich werde doch immer froher und junger und gesünder, jetzt fängt sogar der Roman an, mich zu freuen. Dr. Lessing hier. Erst das Gefühl unbedingter Abwehr wegen seiner Beziehungen zu Hallwig. Dem Verkehr war nicht auszuweichen, und allmählich war er mir sympathisch. Sind viel zusammen gegangen, viel geredet. Guter Kerl und viel Ästethisches. Gestern seine Frau hier, um ihn abzuholen, hat mir auch gefallen, nur zu frauenbeweglerisch geistig sein wollend. Da kann ich nicht mit.

Die Maus und ich gehn jetzt wieder täglich Isarbaden. Die Sonne leuchtet, wir laufen eine Stunde nackt am Strand herum und tauchen dann und wann hinein. Gott, wenn man nackt leben könnte.

10. September [1901]

Vorgestern Abend bis ein Uhr mit Lessing geredet, liefen die Landstraße zur Isar auf und ab. Sonderbar, wie es doch jeden Menschen ergreift, wenn ich ihm mein Leben erzähle.

So friedlich gehn jetzt die Tage hin. Ich liebte das Sonnenwetter, die olympischen Spiele am Strand, jetzt lieb' ich das herbstliche Einspinnen mit feuchten Spaziergängen dazwischen. Durch die nassen Waldwege.

Maus läuft mit seiner Kapuze neben mir her wie ein Waldzwerg, und die Augen und der Mund fragen immerfort.

Ich erzähle ihm, wenn die Blätter herunterfallen, ist's Winter. Dann wollen wir Schlitten fahren und Schlittschuh laufen.

Nach einer Viertelstunde ist er ganz bös, daß die Blätter immer noch nicht herunterfallen. —

Von Hallwig eine Karte aus dem Husumer Schloßgarten mit der Brücke.

12. September [1901]

Abends mit der Fräulein Heymann im Wald. Konnte nicht wieder zurückfinden und patschte knietief durch die Wiesen.

Endlich einen Tag am Roman, wo ich glaube, daß er anfängt, gut zu werden.

14. September [1901]

Bubi hat sich mit der Schweinemama brouilliert, weil er im Schweinestall den Ofen geheizt hat, siedelte dann in die Mühle über und war ein Mehlmann. Als Anita Augspurg reiten wollte: «Ich muß sehn, wie Frau Herr Doktor von seinem Gaul stürzt.»

15. September [1901]

Vormittags Roman, mit Glück. Sonntagsgefühl. Nachmittags nach München, um Hallwig einzurichten. Bei Hohenschäftlarn Monsieur im andern Zug vorbeigefahren. Das Herz schlug doch wieder, aber ich habe einen leichten Klappenfehler, daher —

Abends Hofmanns.

17. September [1901]

Halb sechs wieder auf, ganzen Tag kalfaktert. Mittags finde ich Henry und heute zum erstenmal wieder den richtigen H. Jetzt bin ich wieder froh und hab' Flügel und ein Kleid, das mir steht und Sonnenschein. Abends H. bei mir. Ich Gardinen genäht, Bücher geräumt und sehr froh gewesen.

Bubi hat man erzählt, daß ein Kind verbrannt wäre, weil es mit Zündhölzern gespielt. Er fürchtete sich so, daß er nicht allein im Bett bleiben wollte. Das soll nicht wieder geschehen.

Heute endlich das Gefühl von Unermüdlichkeit bei mir konstatiert.

Noch ein Henryabend, wie hab' ich ihn lieb. Die ganzen Tage mit Einrichten und Besorgungen verbracht, von sechs Uhr früh bis zwölf Uhr abends. Mobil. Kann weder zur Gitarre noch Roman kommen. Stark geschwollene Füße, sonst recht wohl.

Busse, Henry und ich zum Bahnhof, um Hallwig abzuholen, waren alle in Angst, daß er verstimmt und traurig käme, aber er freute sich über uns und über das Heim, das wir ihm gemacht hatten. — Es lag wirklich ein kindlicher Schimmer an diesem Abend über ihm, und wir waren alle so froh und festlich. Spät die Landstraße hinunter zwischen meinen beiden besten Menschen, fühlte mich reich und geborgen, konnte vor Freude nicht schlafen, lange, lange bis in den Morgen.

21. September [1901]

H. fort, ich morgens zu Hallwig, ihm sein erstes Frühstück gemacht — möchte so gern bleiben und für ihn sorgen, aber ich muß fort, muß an die Arbeit, allein sein.

Nachmittags.

Ein tiefer Schauer, aber er folgte auf die Freude, die ich wollte — sie war durch die Angst getrübt, Angst vor Eifersucht — ob auch hier jemand anders kommt, mir etwas wegzunehmen. Wenn ich etwas mehr Zutraun zu Putti hätte, daß sie etwas in dem wäre — dann schwiegen solche Gefühle in mir. Aber ich will den anerkennen können, der in irgend etwas einmal mir rivalisiert. Oder lügt man sich das vor? Ist auch möglich. Aber bei mir kommt immer sofort ein Fühlhörnereinziehn, das mir selbst wehtut.

Sowie ich wieder hier allein bin, ist das alles fort, weit fort. Menschen und Beziehungen sind mir gleichgültig, wenn ich nicht dazwischen stehe. Das ist auch wieder eine Mahnung zur Einsamkeit.

22. September [1901]

Sonntag mittags heraus.

— «Jetzt freuen wir uns, Mamai» — dabei fahrt er mit seinem kleinen Schiebkarren den Berg herunter in unser ungequältes Paradies. — Draußen Anita Augspurg und die Schwestern Goutsticker getroffen, mit ihnen gebadet. Über dem Gebirge weinroter Sonnenuntergang und die nackten Gestalten.

23. September [1901]

Im Klostergarten auf der Bank gesonnt, die Patres und Brüder gehen lächelnd vorbei und sagen mir guten Morgen, Rolf spielt zwischen den Hühnern im leuchtenden Gras, über der Laube hängt roter Wein, es glüht noch einmal alles im Sommerreichtum. —

Die letzten Tage in großer Elendigkeit zugebracht, auch den ersehnten Tag mit H. Bin das nicht mehr gewöhnt und sehr ungeduldig. Es hat aber auch sein Gutes, weil ich immer mehr Lust zur Arbeit bekomme, wenn ich nichts tun kann. —

Heute endlich Kopf wieder frei.

Am Roman und endlich einmal Gitarre geübt. Wenn ich mal so hineinkomme, bin ich ganz wild, male mir aus, wie das nun jeden Tag so sein wird und wie herrlich ich weiterkomme. Aber es ist des Teufels. Was hatte ich früher für eine herrliche Energie, und jetzt hängt sie in Fetzen. Was sollten in diesem Dorf für Wunderdinge geschehn, und ich habe nicht einmal Gitarre gelernt und meinen Roman fertig und den Burckhardt ausgelesen.

Am Ende meines Nachmittagschlafes überraschten mich die Geschwister Hallwig, abends mit ihnen spazieren gegangen, mit ihm spät noch geredet.

Sie fuhren heute um halb zwei wieder ab, ich überliste die Maus und lasse sie drunten, während ich mit nach Ebenhausen ging. Als ich wiederkam, stand er verweint im Schweinestall. Die Leute erzählten mir, daß er mich überall verzweifelt gesucht und geheult. Schließlich hat die Schweinemama ihm ein kleines Ferkel auf den Arm gegeben, das hat er gestreichelt und sich damit getröstet.

Traum:

Mit Henry in einer merkwürdigen unwirklichen Landschaft, dann war es auf einmal der südliche Abhang des Husumer Schloßgartens. Somi kam in einem rotseidnen Staubmantel, wie ich gerne einen haben möchte mit Kapotthut, und ich sagte, nun müßte ich wohl gehen. Schwang mich seitwärts über hohe Felsen hinauf mit einem Gefühl von Stolz, daß ich da hinaufsprang und die andern unten auf dem Weg gingen. Ihre Figur war etwas schwerfällig, und sie gingen nicht nebeneinander. Dann hatte ich plötzlich einen Schädel im Arm und erschrak, bis ich sah, daß es ein nachgeformter war und in dem Felsen festsaß. Dann noch mehr Schädel, aber alles keine wirklichen — während die beiden immer weiter entschwanden. —

4. Oktober [1901]

Die Bolognamappe mit meinem Romananfang. — Herrgott, hab' ich mich gefreut, und wieder auch war es wehmütig, Samos, Henry, Tigani, Athen, alles war auf einmal wieder da.

Und ein Brief von H.

Mit der Maus Megali peripato auf Deining zu, er lernt jetzt die Namen von allen Bäumen, die Tanne ist ein Stichelbaum. Man kommt doch allmählich immer besser darauf, ein Kind zu behandeln. Ich mache ihn den ganzen Weg darauf neugierig, was an der nächsten Ecke kommt usw., und auf dem Rückweg tanzen und laufen wir. Dann sind wir zwei unartige Mausis, die weglaufen. Da wird er nicht müde. Früher, wenn ich an meine Schreiberei dachte und er quängelte, war es oft eine große Nervosität. Jetzt schmeiße ich das beiseite, wenn ich draußen bin.

6. Oktober [1901], Sonntag

Nun sind es andere Träume, und sie lassen mich nicht los, den ganzen Tag. Das ist Wiedererwachen und rüttelt an mir wie in den wildesten Zeiten. Mich hält die Arbeit stark gefangen diesen Sommer, aber wenn sie einmal zu Ende ist, muß das alles wiederkommen. Wie ist das Leben schwerreich, so reich, daß man nur immer beide Hände ausstrecken möchte.

7. Oktober [1901]

Ins Ökonomiehaus gezogen, in das Zimmer, wo einst W. und ich Derleth besuchten, er uns seine Gedichte vorlas und den Rhythmus verloren hatte.

Ich finde den meinen immer mehr wieder. —

Bubi steht am Fenster. «Mamai, jetzt wird's Winter, jetzt fallen gleich die Blätter herunter. Und dann kommt Weihnachten und was krieg' ich dann?

Dann krieg ich ein Stichelbaum mit Lichtern und Schlittschuh.» —

Wenn er groß ist, will er «Menschenkleider» tragen und ein Leibi wie Henry.

8. Oktober [1901]

Er kriegt seine erste Hose und läuft in namenlosem Stolz herum, zeigt sie allen Patres. Der Roman rückt vor, wir sind sehr vergnügt.

Er wird früh ins Kloster geschickt, um Honig zu holen. Der Küchenbruder ist der «Kaufmann Honig». — Einen Tag Soldaten hier. Da saß er mitten drin am Biertisch und meinte, daß sie mit den Fahnen Schmetterlinge fingen. — Träume und Nerven. Angst abends im Bett, aber das Buch muß fertig werden.

11. Oktober [1901], Freitag

Abends Hallwig. — —

Den nächsten Morgen und Nachmittag ihm Roman vorgelesen. Steine, Zentner und Mühlräder im Herzen, daß er es gut fand. Hochgespannte und wundervolle Stimmung, hätte in einem Zug das Buch zu Ende schreiben mögen.

*

Alpdruck und ein dunkler Teich, in dem tief unten eine rote, rote Sonne schien.

*

Bubi fragt, woher ich ihn gekriegt hätte. Ich erzählte ihm, er wäre, als ich krank und traurig war, vom Himmel gefallen. — Dann sah er am Abend die Abendwolken und erzählte mir: «Wie du im Krankenhaus warst, war ich eine Wolke am roten Himmel, und dann bin ich zu dir geflogen vors Fenster.»

16. Oktober [1901]

Ein Kraft- und Freudentag, eben dabei fällt mir ein: der sechste Jahrestag meiner Operation. Fiel wieder mit Wut über die Gitarre und hab' meinen kleinen Finger malträtiert, der sich nicht biegen will.

Weiter Gang über Wiesen und durch Wälder, wo die Sonne durch goldene Buchen schien. Auf der Wiese gelaufen, gesungen und Bubi Purzelbäume gelehrt. Fehlte nicht viel, daß ich auch einen versucht hätte. Sind das die Zirkuserinnerungen aus meiner Kinderzeit oder das plötzliche Gesundheitsgefühl? — ich möchte heute nur turnen, laufen und meine Glieder verrenken und träume von equilibristischen Turnstunden, von denen ich doch vielleicht trotz meines Alters etwas profitieren kann.

18. Oktober [1901]

Was für Tage, wie lauter Geschenke. Im Nebel durch den Wald auf Bayerbrunn. Gegen Sonnenuntergang brach auf einmal eine leise Röte und auf der andern Seite zwischen den Zweigen ein leuchtendes Gold durch. Wir rannten, um aus dem Wald zu kommen und den Himmel noch zu sehn, aber da war die Sonne schon herunter. — Ich bin dahinter gekommen, daß ich in letzter Zeit eine niederträchtige Mutter war, ungleichmäßig und gereizt, dachte den ganzen Tag an den Roman und war dann jeden Augenblick ungeduldig. Jetzt hab' ich mich ein paar Tage ordentlich angestrengt, mich besser zu verteilen, und wir sind beide besser dran. Mit dem Augenblick, wo ich von der Arbeit aufstehe, konzentriere ich mich um und beschäftige mich nur mit Bubi und seinen Fragen, und da vertragen wir uns wundervoll. Es ist merkwürdig, wie Gereiztheit der Mutter gleich auf das Kind reflektiert und es ungezogen macht. Wie hat man sich zu erziehen, um nicht in die verbreiteten Elternfehler zu verfallen. Und im ganzen kann ich mir doch sagen, daß ich so mit ihm umgehe, wie ich selbst will. Aber es müssen auch die Momente verschwinden, wo ich es aus Zappelei nicht tu'. Ich fange ja überhaupt erst an, zu leben und an mir selbst zu modellieren. — Durch schimmernde Wälder und Wiesen. Bubi war erst nicht recht aufgelegt: «Heute sind wir zwei traurige Mausis.» Aber ich gebe mir Mühe, ihn lustig zu machen, und zuletzt waren wir sehr vergnügt. Im Bett versprach er mir, er wollte mir zu Weihnachten Bubihosen schenken, das ist jetzt das Schönste, was er sich ausdenken kann.

Unterwegs ging ein Mann mit uns, der mich fragte, ob das mein Brüderchen wäre und ganz erstaunt über die Mutter war.

Abends.

Die Maus so müde, daß ich sie beim Nachhausekommen aufs Sofa legte und zudeckte. — Jetzt bist du ein krankes Mamai. — Als ich wieder hinaufkam: «Mamai, mach schnell das Fenster auf. Da ist ein Mausi geflogen gekommen, weil ich ein krankes Mamai bin.» —

Wieder einen mächtigen Ruck am Roman. Erste Malstunde. Selbststudienversuch etc. pp.

19. Oktober [1901]

Bubi:

«Gibt es auch weiße Kaminkehrer?

Werden die Gänse alle Tage gerupft?»

Morgens beim Aufstehn spielte ich Ziegenbock, der Mamais Kleider anzog. Er war ganz überzeugt, ging dann hinaus und kam als Mamai wieder und ließ sich alles vom Ziegenbock erzählen. Am Isarabhang gesessen, die Maus auf einem Baumstumpf, legte meinen Kopf in seinen Schoß und ließ mich streicheln.

— «Du brauchst dich nicht fürchten, wenn du dein Mausi hast.» —

— Wenn nun jemand mir etwas tun will? —

— «Dann schlag ich ihn tot und nehm großes Messer und schneid ihm Kopf und Hände ab und alle Beinchen.» —

Große Seligkeit über den Mond. Erzähle ihm, wie wir da hinauffliegen wollen, er rote und ich goldene Flügel kriegte und wir auf den Telegraphensaiten Musik machen — so nennt er immer die Gitarresaiten.

Ich muß abwechselnd Mond und Ziegenbock und Pferd und Gott weiß was noch sein.

Er schaut die Photographien von sich und Henry an, sieht die von Walter: «Das ist ein böser Mann.» —

Warum denn? —

«Ja, der mag mich nicht, der schimpft mich immer aus.» —

Wie kommt er dazu? —

Geschwister Hallwig. Er verstimmt, gereizt, fuhr am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe zurück, weil nicht geschlafen.

Nein, da kann ich nicht mehr mit, kann das Hin- und Herzerren von Stimmungen nicht mehr aushalten, wenigstens jetzt nicht, wo ich all meine Kräfte brauche. Ihm die ganze Woche nicht geschrieben. Wenn ich nicht rauchte, wäre mir noch viel wohler, aber c'est plus fort pour moi. Immerhin ist's jetzt nicht schlimm damit, zehn Zigaretten das Höchste — und abends kein Tee. Mein Herz ist auch zur Zeit wieder manierlicher. Es gab Zeiten, wo es bei jeder Bewegung hüpfte.

Sonntag, 4. November [1901]

Inzwischen zwei Tage in München. Brrr. Stadt, Hetzerei, selig fuhren wir wieder hinaus. Es friert des Nachts.

Früh alles weiß bereift und winterlich. Es kommt mir vor, als ob ich lange, lange die Jahreszeiten nicht mehr erlebt hätte. Mir ist in diesem Sommer und Herbst alles neu, jeden Tag neues Erleben.

Mit einmal förmliche Frühlingsmüdigkeit, Kniee knicken ein, schlafe zwei Stunden über Mittag und bin nachher in einem halben Traumzustand vor Schlaffheit, der aber nicht unangenehm ist. Mit Mühe und Not aus dem warmen Zimmer und dem mulmigen Gefühl aufgerafft, in den frischen Abend hinauszugehen. Brachte es heute auch nur auf eine halbe Stunde Spaziergang, was lange nicht vorgekommen ist. Mir schliefen fortwährend die Beine ein, und das Bett schwebte mir vor als höchstes aller Gefühle.

6. November [1901]

Früh war ich ungeduldig mit dem Bubi — er wollte nicht schnell gehn und zerrte an mir oder blieb zurück. Ich schalt ihn, und plötzlich fing er an zu weinen und legte seinen Kopf an meine Kniee: «Mamai, ich bin so traurig, mach mich doch wieder  vergnügt.» Das tat ich dann auch, und wir gingen sehr glücklich zusammen durch den Wald im Rauhreif, wie einen Märchenwald. Auf dem Rückweg an derselben Stelle: «Da hast du mich traurig gemacht, und da hast du mich wieder vergnügt gemacht.»

— Aber ich glaube, ich werde krank, wenn ich nur wüßte, was —

Nach einer halben Stunde Gehen hatte ich mich mitten im Walde hingelegt, weil mir die Knie einfach versagten. Le bon Dieu schikaniert mich überhaupt wieder, ich kann die Augen abends nicht, ohne Schmerzen und ohne Kopfweh zu bekommen, brauchen. Denke wieder manchmal an Monsieur — d. h. eigentlich sehr oft. Solange ich ihn nicht sehe, geht es noch, aber ihm einmal begegnen?! —

Sonntag, 10. November [1901]

Lange geschlafen und mit wahnwitziger Einsamkeitsstimmung aufgewacht. Ich muß wieder einen Menschen haben, finde ich wohl jemals einen wieder?

Brachte nachmittags Wanda nach Ebenhausen, man erzählte uns eine Schauergeschichte von einem Mann, der dort gestern erstochen wurde. Und auf einmal legt sich alles so bleischwer auf mich, der Himmel hat sich auch bezogen. — Fürchtete mich auf dem Heimweg, meine Nerven sind überhaupt wieder bedenklich herunter. All die frohen Hoffnungen von Samos erlöschen manchmal vor diesen alten Gefühlen.

Hallwig, zusammen Roman gelesen. Kopfweh, Nerven, ich kann dieses mich Umgeben nicht vertragen — es ist, als ob fortwährend in die Sphäre eingedrungen wird, in die ich mich einwickle. Wer versteht wohl das Fernbleiben bei aller Nähe? Wenn er ein Mensch wäre oder ein Mann — denn ich suche jemand, wo ich mich anlehnen kann, und er will sich an mich anlehnen. —

Und das «Ungeheure» an ihm liegt nicht im Menschlichen.

— Übrigens ist das alles Blödsinn, es ist nur das Zurechtformulieren. Dahinter ist nur, daß ich mich entsetzlich nach einem Menschen sehne und nie mehr einen finde.

Vielleicht war Henry die letzte Möglichkeit, die nun auch vorübergegangen ist. Hätte ich ihn wohl festhalten können? — und warum habe ich's nicht getan?

Ja, die vielen Warums, die einem erst hinterher kommen.

Ich lebe jetzt zu sehr außerhalb des Lebens, es ist wie eine Krankheit.

17. November [1901]

Heller Schneesonntag, wir sahen alle Morgen vom Bett aus den Himmel rot werden und die Sonne aufgehn, und nun werden auch der Schnee auf den schwarzen Bäumen und das weiße Stalldach rot. Zwei Tage ganz verlesen und verträumt im warmen großen Zimmer mit Buchenholz im Ofen und dem Wintertag draußen. Montag nach Ebenhausen auf die Felder, um die Sonne untergehen zu sehn. Rolf hat viel Gefühl dafür, Naturfeste zu genießen.

19. November [1901]

Ich muß sehn, in diesem Winter durch eine letzte Kur alle Reste loszuwerden, verliere zuviel Zeit damit, jeden Monat fast eine Woche. C'est trop. Ich zittere so um mein Leben, ob ich noch alles hineinbekomme, was ich will, solange es noch nicht Herbst ist. Denn das ist es noch nicht. Sommer, Hochsommer. Die Herbstruhe und Herbstreise ist doch noch weit. Das habe ich dieses Jahr an der Jahreszeit draußen gesehn. —

O leben, leben, nur leben. Das alte Fieber wacht immer mehr auf. Lieber noch verzweifelte Kämpfe als entsagen. Das Entsagen war bei mir immer nur Kranksein und Lahmsein. —

Es ist Winter, und ich muß die Zeit vor mir herhetzen, um das Gefühl zu verlieren, daß sie vorüberstreicht.

Ich lese Marie Baschkietscheff, das möchte die einzige Frau gewesen sein, mit der ich mich ganz verstanden hätte, vor allem auch in der Angst, etwas vom Leben zu verlieren und vor dem unerhörten Prügelbekommen vom Schicksal.

22. November [1901]

Nach München. Hallwigs Schwester mich abgeholt. Sie ist ein entzückendes frisches, junges Geschöpf. Die ersten Male kam sie mir leicht steif und etwas zu gesetzt vor; zu meiner Wohnung, dann kam Henry mit einem Teerosenstrauß. Die Maus und ich fielen über ihn her und prügelten ihn wie wahnsinnig, zur Strafe, daß er Somi geheiratet hat. Die Prügelei fing immer wieder an und dauerte etwa eine Stunde, wurde nachher noch in der Hallwigschen Küche fortgesetzt. Hallwigs Verstimmtheit über die Rodiaffäre, und ich schämte mich über meine blöde Gedankenlosigkeit. Nachher tobten wir wieder ab, Henry und ich. Ach, Henry — jetzt bin ich wieder froh.

Später mit Falkenbergs im Luitpold. Ich wollte zum Schluß Henry all' meine Pakete aufladen, er wollte nicht, und ein großes flog dabei unter einen fremden Tisch, was peinliches Aufsehn erregte. Ich ärgerte mich über das Backfischbenehmen eigentlich nur in dem Gedanken, daß ich dazu nicht mehr jung genug aussehe. Das ist überhaupt meine Sorge bei Tag und bei Nacht. Die andern finden mich noch jung, auch wenn sie mir nicht schmeicheln wollen, aber ich selbst nicht mehr. Solange ich noch wußte, daß ich jung aussah, hab' ich mich nicht viel um mein Aussehen gekümmert, jetzt werde ich immer eitler und bin unglücklich, wenn ich nicht lauter Sachen habe, die mir stehn. So trage ich hier draußen trotz aller Kälte noch meine Sommermatrosenbluse, weil sie mir so gut steht, mit hellblauem Matrosenkragen — das ist vielleicht auch ein guter Beweis, daß Backfischfarben mir immer am besten stehn. Ich glaube, mich macht nur die Schreiberei häßlich, weil ich von der Kopfarbeit einen gespannten Ausdruck kriege und das Schreiben seit Samos meine Augen anstrengt. Und ein Entschluß steht fest: ehe ich wieder übersetze — kommt lieber ein reicher Schatz. Aber dann muß ich mich eilen, sonst bin ich doch nicht mehr hübsch genug. — Ich gebe mir noch zehn Jahre zum Jungsein, von dem Augenblick an, wo nichts mehr hilft, will ich lieber lernen, mit Grazie alt zu sein. Forcierte Jugendlichkeit macht nur noch viel älter.

23. November [1901]

Verlorner Tag. Vor Müdigkeit zu allem unfähig, anscheinend Lungenstiche im Rücken und unterm Schlüsselbein und wahnsinniges Kopfweh, zwölf Stunden geschlafen und zwei am Tag. Dann abends mit dem Rolfi im Schneesturm zur Isar hinunter. Rotkäppchen erzählt.

24. November [1901]

Vormittags Roman. Es sollte ein schöner Maussonntag werden, wir hatten uns mit dem Maxl zum Schlittenrutschen verabredet, und dann wollte ich ihm wieder Märchen erzählen, — statt dessen kam Schuler mit seinem Ferdinand, sie hatten unsere Spur im Schnee gefunden, und der ganze Nachmittag war hin. Ich komme zu nichts, und möchte über jeden solchen Tag heulen, die Gitarre — alles, wonach ich lechze und Tag um Tag danach strample. Und die Zeit rinnt.

29. November [1901]

Wir haben ein Schneehaus gemacht und wieder eingeworfen. Ich entsetzlich erkältet, Asthma und Lungenschmerzen im Rücken. Doch manchmal entsetzliche Angst, daß da etwas ist.

Ja, ja, ja, die Sache gefällt mir nicht. Fieber und ähnliche Sachen. Zur Arbeit ist so ein leises Fieber fast eine Hilfe. Manchmal komme ich mir wie ein Koloß vor, wenn ich denke, wieviel Steine ich jahrelang zusammengeschleppt habe und auch in diesem Jahr wieder. —

Hätte ich das in die Arbeit, die ich will, hineinwerfen können. — Ich mag nicht daran denken.

Dezember [1901]

Jetzt zittre ich nun jeden Tag, als ob das Leben daran hinge, bis Weihnachten fertig zu sein. Aber das tut es wirklich.

Das Göttertier ist kein Hemmnis, es ist überwältigende Erholung. Ich habe mich selbst in strenge Disziplin genommen und werde sehr selten nur ungeduldig bei allzu fürchterlichem Lärm, Türen schlagen, sechsmal nacheinander hereinkommen etc. Im ganzen bin ich mit mir zufrieden, ich komme doch all-mählich dahin, wo ich will. In dieser Zeit habe ich wirkliche Erziehung geübt. Es gibt Leute, die sagen: ich kann mich nicht teilen, aber ich zerlege mich direkt in zwei Teile: Sklave der Arbeit und Mamai. In dem Augenblick, wo der Bubi hereinkommt, bin ich ganz der Eine. Es ist immer nur der schwierige Moment, wo man sich plötzlich umschalten muß, aber ich sehe, daß man es durch Training dazu bringen kann.

[8. oder 15. Dezember 1901,] Sonntag abend

Mit ihm im Puppentheater in Ebenhausen, es war eine Seelenerschütterung, das Kind zu sehn, wie seine großen schwarzen Augen allem folgten — wie er vor Schrecken zusammenfuhr und nach meiner Hand griff, als der Kasperl kam. — Schrecken vor der menschlichen Karikatur — der Ritter machte ihm keine Angst. Dann ließ er meine Hand nicht los, er war noch nie so anschmiegend. Als der Engel im roten Licht zu Genoveva herunterkam, sagte er: «Solches war ich auch.» — Da hätte ich am liebsten vor ihm gekniet. —

Wir leben jetzt in Märchen. Der Winter ist das böse Wintertier, das auf den Bäumen sitzt und sie schüttelt. Wenn es schneit, sind es die Engelmausis im roten Himmel, die den Schnee herunterwerfen, hört es auf, so schlafen sie in goldenen Bettchen.

Die letzten Tage — wehmütiger Vorabschied und zitternde Arbeitshast.

Dienstag, den 17. Dezember [1901]

Roman fertig, d. h. bis zum Schluß, zum letzten Fertigsein fehlt noch manches.

München. Arge Kopfwehtage, besinnungslos Phenacetin genommen. Schlaflosigkeit, Rennerei und Heimweh nach dem Kloster. Aber schöne Stunden mit H.

Wozu nur schwindelt er mich an? Ahnt nicht, daß ich den Sachverhalt längst zusammenkombiniert habe.

Bubi jeden Morgen: «Ist jetzt Weihnachten?»

24. Dezember [1901]

Am Nachmittag steckte ich ihn ins Bett und machte im Nebenzimmer den Baum, und er ruft zu mir herüber.

Dann das überwältigte Göttertier — und daß der gute Henry da war. Am liebsten wäre ich mit ihm und Maus ganz allein gewesen. Menschen im allgemeinen werden mir immer unerträglicher.

Wollte abends mit ihm in die Christmette, aber zu müde. Am nächsten Tag traurig darüber. Von H. hab' ich nie genug. Am zweiten Feiertag ihn verfehlt, d. h. er hatte zwei Stunden bei mir gewartet und mußte dann bald gehn. Darüber wieder traurig, und dann fuhr er fort. Und ich nach Schäftlarn.

Hinausgefahren im Schneenachmittag, hier mit Freude empfangen. Dann Bubi plötzlich krank, zwei unruhige Nächte. Fieber immer höher bis 40,5 und der kleine, heiße, zuckende Körper dicht an mir.

30. Dezember [1901]

Besser — Gott, war das eine Angst. Aber jetzt ganz gesund mit derselben Rapidität wie gestern das Kranksein. Ich selbst ganz tot, lahm im Kopf und in allen Gliedern, möchte nur daliegen, energielos bis zum völligen Verzagen. Nur die Freude über Bubis Besserung verleiht mir Kraft. Er spielte nachmittags wieder um mich herum. — Bubi gestern abend, als ich im Nachthemd stand: «So bist du aber nett, Mamai.» —

Ganz weinerlich ist das kleine Tier.

Dienstag, 31. Dezember [1901]. Silvester

Ausgeschlafen und frischer aufgewacht. Schwere, schwarze Wolken, dazwischen fahler Sonnenaufgang. Dann kommt die Sonne durch, und es ist wie ein Frühlingstag; Vögel zwitschern. Schäftlarn ist mir ein heimatlicher Erdenfleck, wo ich ausruhn kann und still bin.

Das vierte Mausneujahr, und es geht gut zu Ende mit Genesung. Jetzt muß ich wieder «drauf», keinen Tag verlieren.

Im Sonnenuntergang nach Ebenhausen. Heimfahrt. Hier Weihnachtsbaum noch einmal angesteckt, den großen und Bubis kleinen. Mit ihm dagesessen, erst etwas traurig — Einsamkeitsgefühle — die aber vor dieser warmen Gegenwart verschwinden. Jetzt schläft das Göttliche, da steht sein Puppentheater, seine Wiege, sein Bäumchen. Und ich wollte traurig sein.—

Alles ist still im Haus und ich in einer selten ruhig-frohen, leicht gemessenen Stimmung. Las in alten Briefen — Walter — Henry — dazwischen Karten von Monsieur. — Die erste Neujahrsnacht seit vier Jahren, wo ich allein bin und nicht auf ihn warte.

Vor vier Jahren kam er um Mitternacht unter mein Fenster — ich weiß noch jeden Moment aus der ganzen Nacht und wie ich dann am Neujahrsmorgen den Bubi spazieren fuhr und mir Veilchen kaufte. Es war auch solches Frühlingswetter wie heute — —

Und wo mag er jetzt sein?

Eigentlich ist er mir ganz gleichgültig. —

Ich denke daran, wieviel lichter alles für mich geworden ist — und rüttle aus alter Gewohnheit etwas an meinem inneren Menschen, der mir immer noch nicht ganz gefällt.

Und auch da sind's wieder nur meine Nerven, an denen ich zu arbeiten habe. Besonders wegen der Maus. — Müßte ich nicht arbeiten, d. h. mit dem Kopf arbeiten, so wäre ich eine vollkommene Mutter. — Das alles nagt an mir, zerstört mich und explodiert manchmal, aber durch mehr Einteilung soll auch das jetzt unschädlich gemacht werden. Lieber noch ein paar Falten bekommen, als Risse in das kleine, zarte Gemüt, das mir ganz gehört. So oft frage ich ihn: Maus, bin ich nicht abscheulich? — und er immer: «Nein, du bist brav.» O Gott, nur überhaupt keine verhetzte, fahrige «Existenz» werden. —

Der Roman liegt hinter mir — die erste Abspannungsnervosität ist weg, wieder in ein stilles, erfreuliches Tempo eingelenkt.

Meine Göttermaus, wir sind doch so namenlos glücklich und reich miteinander, und der Reichtum soll immer größer und vertiefter werden.

Neujahr 1901/1902

[Anfang]  [Vorige Epoche]  [Nächste Epoche]

Falls Sie mich auf Fehler, Auslassungen, Unsinn oder sonstige Korrigenda hinweisen wollen, tun sie das bitte. Jede Art von Feedback freut mich.

[Startseite]  [Übersicht Online-Texte]  [Materialien zu Franziska Gräfin zu Reventlow]