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Bubi
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Da sitze ich nun wieder in der Landstille draußen und kann es immer noch nicht ganz begreifen, daß mein Ludwig tot ist und für immer fort. Daß er nicht wieder an irgendeinem Sommertag nach München kommt. Wie soll ich mich denn auch damit abfinden und warum? Das Leben ist göttlich und der Tod entsetzlich.
Zum erstenmal hab' ich ihn so wahr gesehen, und mir ist, als ob man sich nie von dem Entsetzen erholen könnte. Wie soll man da den Gedanken lernen, selber einmal zu sterben!
All die überflüssige Grausamkeit dabei, die monatelange Qual, die Besserung und dann plötzlich, nein, es soll doch nicht sein.
Und warum hat er uns nicht noch einmal ansehn können und wissen, daß wir alle um ihn waren mit all unsrer Liebe. Es war fast das Schrecklichste, dieser halberkennende Blick, und dann das Zurücksinken und Weitermurmeln.
Und doch, wie hat mir immer vor dem Gedanken gegraut, jemand sterben zu sehn. Nun war es mir lieb, in diesen letzten Tagen, wo er nichts mehr wußte, neben ihm zu sitzen und dies Letzte von ihm in mir festzuhalten; seinen halb erkennenden Blick, als ich kam, und dann wieder die Bewußtlosigkeit, o Gott, o Gott. Mir war der Frühling herum so hell und freudig erschienen wie lange nicht, als wir hier hinkamen. Ich hätte immerfort jubeln können, daß alles so schön vor mir lag. An meinem Geburtstag hatten mir Onsky und Maus alles so festlich gemacht und den Mittag darauf das schreckliche Telegramm, die lange Hinreise ich habe immer gezittert, er lebt nicht mehr. Nun lebte er noch zwei Tage, aber schlimmer für uns, als wenn er tot gewesen wäre.
Da waren wir vier Geschwister zum erstenmal wieder zusammen. Catty, wie hätte ich mich sonst gefreut, ihn wiederzusehn, jetzt hätte ich ihn gern für immer fahren lassen, wenn ich nur Ludwig behalten konnte. Den kann mir niemals irgend jemand ersetzen. Wenn ich denke, wie gern er uns alle wieder zusammengebracht hätte, und nun kamen wir an seinem Totenbett zusammen.
Der endlose Sonntag im Krankenhaus, Ernst war noch nicht da, nur Catty und Hartwig. Ich blieb die Nacht dort auf dem Sofa, um bei ihm zu sein, während sich Benedikta etwas hinlegte. Wir beide wagten uns kaum anzusehn, wie sie so dalag und schlief und jeden Augenblick in die Höhe fuhr. Am Montag früh zur Bahn und Ernst geholt, alles so wie in alten Zeiten, als er sich im Hotel umzog. Dann die schreckliche Tante Fanny, die bei Ernsts Anblick zusammenfuhr, als ob er weniger Recht hätte da zu sein als sie. Mittags Ernst, Catty und ich zusammen zwei Stunden irgendwo drunten in Wiesbaden; das war sonderbar und doch, als ob es ganz selbstverständlich wäre man konnte kaum darüber nachdenken, nur immer: Da oben liegt Ludwig und muß sterben.
An diesem Tag war es ihm etwas leichter und trotz allem ich wenigstens hab' einen Augenblick gedacht: ob es nicht möglich wäre, daß er leben bleibt.
Am Nachmittag fing das letzte Ende an. Sie holten uns alle herein: es war unsagbar schrecklich, wie wir da alle herumstanden und dieser Qual zusahen. Bei jedem dritten Atemzug ein tiefes Stöhnen, das so klang, als ob er sagte: «O Gott.» Ich hab' mich hinter Ernst versteckt, und er hielt mich ganz fest. Sie haben alle so schrecklich viel Selbstbeherrschung und ich in solchen Momenten gar keine. Darin waren Ludwig und ich uns auch ähnlich, er hätte nie so gefaßt dastehn können. Ernst hat in allem am meisten mit mir gefühlt, in diesen Augenblicken waren wir ganz zusammen.
Bis Mitternacht sind wir alle dageblieben. Dann haben Ernst und Catty mich fortgeschleppt, wir gingen irgendwo Wein trinken und saßen noch lange zusammen mit diesem schrecklichen dumpfen Gefühl: «was sollen wir da noch?» Die arme Benedikta sitzt da wie eine Statue neben ihm, und man muß sie diese Stunden allein lassen. Ich wäre am liebsten auch noch mitten in der Nacht hingegangen, und heute reut's mich, daß ich's nicht getan hab'. Die beiden brachten mich nach meiner Wohnung, ich legte mich in Kleidern aufs Bett und schlief bis früh um sechs. Dann kam die Nachricht, daß er in der Nacht gestorben wäre. Und ein Gefühl, beinah wie Rene, daß man geschlafen hatte und nicht dort war.
Ich ging erst zu Ernst und Catty ins Hotel, dann wir alle hinauf. Da hab' ich auch eine Stunde neben seinem Bett gesessen, allein und ihn angesehn. Er sah schön und friedlich aus, ein großer Busch Rosen lag auf dem Bett.
Es kam mir vor, als sprächen wir noch einmal miteinander, und ich konnte ihm noch einmal danken für alles und ihn mir zulächeln sehn. Das war wohl die beste Stunde.
Manchmal ist's mir jetzt noch so, mitten in all der furchtbaren Traurigkeit, als ob er mit mir spräche und sagte, ich solle doch nicht so traurig sein. Er konnte es ja nie sehn, wenn man traurig war.
Nun sind es schon vierzehn Tage, grad heute. Ich hab' so sehr an ihm gehangen und er an uns, wir waren so sehr Geschwister. Ich hab' seine Liebe immer gefühlt, aber ich hab' mir kaum vorausgedacht, daß es mich so zerreißen würde. Zerreißen ist das einzige Wort. Nie hab' ich mir vorgestellt oder vorstellen können, daß er wirklich sterben würde, in seiner ganzen langen Krankheit nicht. Ich dachte immer, das kann doch nicht geschehen. Er hatte ja so spät angefangen, zu seinem eigentlichen Leben zu kommen nach allem Jammer und all seiner Zerfahrenheit in der Jugend. Auch darin hatten wir soviel Gemeinsames. Nur, daß er wohl nie so das Leben geliebt hat wie ich Benedikta sagte es neulich noch.
Ludwig sagte immer: Das Leben ist traurig.
Vielleicht war's für ihn der Frieden, er war immer ruhelos. Er ist fort, und ich weiß immer noch nicht, wie ich ihn hergeben soll! Träume jede Nacht, daß er noch da ist, oder schon tot und doch wieder da.
Es ist schrecklich.
Zuerst hat die Zeit förmlich stillgestanden. Die Tage wollten nicht hingehn, und man war so froh, wenn es wieder Abend war. Jetzt rennt die Zeit wieder. Nun sind's schon beinahe drei Wochen. Ich fange an zu begreifen, daß es wirklich geschehen ist. Wie ein schwarzer Schatten fiel es mitten in den Frühling hinein, in den frohsten, schönsten Frühling, den ich seit langem hatte! Es war mir in diesem Jahr so, als ob alles neu und froh mit vielen schönen Verheißungen und Befreiung von vielen Qualen anfinge.
Nun ist alles dunkel geworden, ich kann tun, was ich will unmöglich, sich der Gedanken zu erwehren, die sich alle um Ludwig und ums Sterben drehn. Es ist, als ob man selber sich nicht mehr zum Leben stellen könnte. Und dann immer wieder dieser bohrende Schmerz und die Sehnsucht.
Ich sah ihn vor mir in allen Momenten früher zu Hause, als Halberwachsenen, wenn er mir gegen die andern Geschwister half, ich weiß noch, wie er mit mir zusammen meinen kleinen Garten herrichtete, er hat immer schon viel Liebe für mich gehabt. Und dann, wenn er als Student heimkam und mich an den Haaren in die Höhe hob, das war unsere beliebte Begrüßung und ein merkwürdiges Phänomen, weil es mir nicht weh tat. Ich weiß noch die Briefe, die er mir aus München schrieb, als ich noch ein halbes Kind war wie er mir einmal meinen Spaten aus dem Wasser holte und dabei beinah hineinfiel, der Schrecken der Eltern, als er beim Duell halb tot geschlagen war, und wie Papa hinreiste. Später, wenn er als Referendar in Husum war, wie oft nahm er mich in sein Zimmer, um mich zu trösten, oder gab mir seine Hunde in Pflege, worüber ich mich dann so geehrt fühlte. Und noch später, bei Papas Tod, wie wir uns wieder versöhnten und er zwei Jahre darauf nach München kam und plötzlich vor meiner Haustür stand. Nur hingekommen, um mich zu suchen wie er mit mir in den Ratskeller ging und wir uns dann vor meiner Tür umarmten und furchtbar zusammen weinten. Ich rief ihn her, als ich Bubi erwartete, weil ich dachte, ich würde sterben, und er versprach mir, für das Kind zu sorgen. Und dann all die andern Jahre, er kam stets im Sommer, in meiner Erinnerung immer bei schönem Wetter und war mit mir wie mit einem Kind, das man amüsieren will und ihm lauter kleine Extrafreuden machen. Noch zuletzt diesen Winter, wie hat er sich da über meine Fortschritte gefreut, und wir waren so vergnügt zusammen. Von seiner Krankheit sprachen wir wohl, aber immer, als ob es nichts besonders wäre. Ich hab' mir nie denken können, daß ich ihn verlieren könnte, drum hab' ich auch nie dran geglaubt, wenn ich mich auch wohl manchmal ängstigte.
Das wenigstens ist etwas Mildes darin, daß wir immer gut und lieb zusammen waren, kein Mißton jemals, und daß er meine Liebe auch gefühlt hat. Ich hab's ihm ja im Winter noch mal geschrieben, wie sehr ich ihn lieb hätte und er mir, daß er mich von den Geschwistern immer am meisten geliebt hätte. Das ist mir jetzt ein so gutes Gefühl, denn das hab' ich jetzt erst gesehn wenn jemand auch tot ist, es ist, als bliebe ein Zusammenhang. Manchmal kommt es mir ja vor, als hörte ich ihn zu mir sprechen und denke: Das muß ich doch Ludwig erzählen.
Vier Wochen jetzt, meine Seele ist völlig verstimmt, und alles will nichts helfen gegen die trüben Gedanken. Ich arbeite, soviel ich kann, denke viel ans Malen und die Zukunft. Ach Gott, alles könnte so blühen, aber mit mir ist nichts, wenn ich nicht froh bin. Dazu bin ich geschaffen, aber mein Leben ist immer voller Schatten. Innerlich so apathisch wie hätte ich mich sonst an dem jetzigen Zustand gefreut, den ich endlich einmal erreicht hab'.
Ich brauche fast Gewalt gegen mich selbst, um aufwärts zu kommen. Doch manchmal überfallen mich noch ganz entsetzlich schwarze Stunden wenn ich nicht fortwährend etwas tue. Aber wenigstens fange ich wieder an, Leben zu fühlen, nicht nur Tod und Todesgedanken. Eine wundervolle Stelle in Jean Paul über den Tod gefunden. Wenn man doch so empfinden könnte. Mir fehlt es, daß Ludwig an meinem Leben nicht mehr Freude hat. Es hat ihn so viel gekümmert, und ich war noch nie auf so guter Bahn wie jetzt. Dies Winkl ist ja ein Paradies für mich, um einmal zur Ruhe und Arbeit zu kommen, mich zu sammeln.
Der kleine Frühlingsroman ist zu Ende, oder wenigstens über den Höhepunkt und ein leises Verklingen. Ich bin wirklich sehr weise geworden, daß ich das selbst gut finde. Aber ich habe ja das gehabt, was ich haben konnte. Mehr wäre es doch nicht geworden, und Dauer vertrage ich ja überhaupt nicht gut.
Es war ein «holdes poetisches Kapitel».
Wie kommt es mir lange her vor, die Rückkehr des Knaben nach München, das Treffen und Herumsitzen in Cafés mit der Angst vor Orlonsky; der Abend bei Götz mit dem Unglücksfall. Den Tag drauf am Krankenlager, während Götz Spaghetti kochte. Der Transport in Lolas Wohnung und dann die täglichen Krankenbesuche zwischen der Umzugsarbeit, immer in Eile. Der Auszug aus der Kaulbachstraße, der alten, geliebten und gehaßten. Die Abende, wo ich spät und in Todesangst heimkam, die eine Nacht, wo O. an meinem Bett stand und sich auf meine Kehle stürzte. Herr, mein Gott, ich habe wahrhaftig geglaubt, nun ist's aus mit mir, und das Grauen hat mich geschüttelt. Wie Maus sich dann in meinen Arm stürzte wer weiß, wie weit es gekommen wäre, wär' er nicht aufgewacht. Wie er dann noch lange dastand, ich nach dem Revolver tastete und dachte, wenn ich mich nun bewege, ist's aus, und er stürzt sich auf mich.
Das war am Freitag vor dem Auszug. Die Abschiedsstimmung vom Haus war mir etwas gestört, ich habe nur gedacht, jetzt so schnell wie möglich heraus. Sonntag mit Knudsen und O. gepackt bis Abend, nur vormittags einen Sprung zu dem Kranken, der immer zärtlich und erfreut wartet. Um elf stellen wir fest, daß an Fertigwerden nicht zu denken sei und Möbelwagen abbestellt.
Die letzte Nacht in meinem lieben weißen großen Zimmer, wenn ich jetzt dran denke, wird mir noch ganz weh, daß ich es nie mehr haben werde. Wieviel Zeit und unendliche Stimmungen hab' ich dort erlebt. Doch war es Heimat, viel Ruhe, einmal Liebes und Gutes. Auch Bübchens Heimat in langer Zeit. Nun treiben wir wieder, noch nicht, aber bald.
Am Montag die letzte Arbeit, ich bin schon zu Martha übergesiedelt in das kleine Badezimmer, wo nur ein schmales Bett steht. In dem Augenblick, wo ich Bubi hineinlegte, hätte ich wieder umkehren mögen und noch diese letzte Nacht im alten Haus bleiben. Aber ich war zu kaputt und elend. Dann ins Leopold, Wiesel, Martha, Lampert waren alle sentimental. O. wieder gut. Ich schließlich Sekt geschmissen, um die Stimmung etwas zu heben. Nachher tat es mir so weh, daß der einsame Onsky wieder in die Kaulbachstraße ging und ich mich schon ausquartiert hatte. War's mir leid aber ich war zu elend und lechzte nach einem Bett und ein paar Stunden Schlaf. Um fünf auf, mit Maus in die Kaulbachstraße geradelt, wundervoller Morgen, und das alte Haus schimmerte vor Frühling. Alles zum letztenmal Frühstück zum letztenmal. Dann kamen die Möbelkerle, und alles zertrümmerte. Als Orlonsky mit ihnen fort war, bin ich noch eine Stunde im leeren Haus herumgegangen und gesessen, und es war schrecklich wehmütig, Bubi auch so, spielte in Willy's Zimmer und hing eine weiße Fahne hinaus. Ach wir Heimatlosen.
*
Diesen Tag noch einmal viel Arbeit und ich wirklich am Umfallen, mit Martha und O. in der Brauerei gesessen. Dann zum Coeurbub. Ich bin beinah im Sessel eingeschlafen. Abends früh zu Bett.
Mittwoch in Solln, nachher mit Onsky zu Rolfs. Frühlingsmorgen, weißes Kleid und alles mögliche. Mir war wie zwanzigjährig. Das Gefühl: nun sind wir bald fort. Die schwere Süßigkeit soll man nicht ganz austrinken, nicht bis auf den Grund kommen. Also Freitag fort. Gegen Abend, als wir heimkamen, trübes Wetter, richten Zimmer ein wie sonderbar kam einem das alles vor, dachte an damals vor drei Jahren. Es waren doch gute Jahre, alles Vorzeichen eines neuen Anfangs. Ruhe, Pflege, alles. Wie war ich damals kaputt und müde. Jetzt nicht mehr.
Die Zeit wird mir lang nach dem Coeurbuben.
Gleich am ersten Tag angefangen zu malen. Abends eine Skizze am Fenster mit großer Wollust. Die nächsten Tage froh, unglaublich froh, alles Schöne mir so hell, so ganz Frühling drinnen und draußen. Den ganzen Sonntag im Garten in der Sonne gesessen, so friedlich beisammen. Es waren so leuchtende und stille Tage. Am 16. und 17. in die Stadt, Cecconi etc. und abends mit dem Coeurbuben und Lisa im Leopold. Götz als Landwehrmann. Nachher der Wagen, der halb voll Brot war. Et encore.
Lolas Heimkehr. Vormittag wieder hinaus. Am 18. Mai mein Geburtstag. In der Früh Maus und Onsky mich aus dem Bett geholt mit roten Gürteln um die Hemden. In der Kapelle ihre Geschenke, ein Schränkchen von O. mit vielen Herzen, und von der Maus ihre süßen Malereien aus Pappe. Eine lange Allee von Herzen. Onsky bläst Mundharmonika und singt Hinkelbeins Hündchen in ergreifenden Tönen. Die Lieben, die Guten. Mir war so heimatlich zwischen den beiden.
Und doch schreib' ich an dem Tag den dummen Brief an den Buben. Als ich von Wiesbaden zurückkam, sagte mir O., daß er ihn konfisziert hätte. Das war so abscheulich in all der Traurigkeit, in der ich zurückkam. Auch noch dies Reißen, Bohren und Wühlen in unser beider Herzen. Das hat noch mehr Licht in mir ausgelöscht, ich kann's nicht ertragen, wenn man so in die intimsten Sachen hineinfaßt, sie auseinanderzerrt und vor mich hinlegt. Ihm gegenüber fange ich erst allmählich an, es zu überwinden, und es hat mich viel gekostet. Da ist es mir noch lieber, wenn er mich an die Kehle packt.
Mein armer Coeurbub, was zwischen uns war, war ein sehr zartes Blümchen, ich fürchte, es bekommt ihm nicht gut, wenn es aus seiner Verborgenheit gezerrt wird an das Licht, das jetzt von allen Seiten auf uns scheint.
Der letzte Tag noch sehr gut, wie ich so todmüde und todtraurig bei ihm saß es war schon wie ein leises Verklingen, auch zuletzt am Bahnhof.
Ich fühlte, daß ich jetzt lange nicht mehr so froh wie im Frühling würde wiederkommen können. Das nächstemal, als ich in München, Gewitterluft nichts war vorgefallen, kein Wort, nichts, aber wir fühlten es beide. Vielleicht mögen für uns zusammen noch andre schöne Stunden kommen. Was im Frühling war, kann ja auch keinen Sommer erleben und braucht es auch nicht.
Aber damals kam ich doch sehr verstimmt zurück. Alles zusammen, das Schöne und das Furchtbare hatte meine Nerven furchtbar erschüttert, und ich kämpfte schwer mit ihnen. Jetzt wird's etwas besser. Malen und malen und wieder malen, und Bubi und Bubi und immer wieder Bubi. Das Herz wird wohl immer seine Stürme haben.
Manchmal gibt's arges Elend mit Bubis Lernen, es macht mich dann so unglücklich, daß ich nicht mehr Geduld habe und es nicht so gestalten kann, wie ich möchte. Es geht mir gegen die Natur, ihn zu drillen, und doch ist's mir lieber, ich tu's, als wenn's andre tun. Aber wenn ich dann aus der Rolle falle und bös werde, könnte ich mich durchprügeln.
Bubi nachmittags zu Geigenstunden nach Grabenstätt. An Bubis Geigenstunden üb' ich heimlich mit, das ist auch wie ein Traum, ein alter, nie erfüllter, selbst etwas Musik machen zu können. Versuchen muß ich's nun doch noch einmal trotz meines Alters, ich bin ja in allem verspätet.
Zu tausend Dingen bin ich ja nicht gekommen bei meinem sonderbaren Leben und hätte doch zu tausend Dingen Talent gehabt.
Es schadet nichts, ich werde noch allerhand draus machen. Gestern abend ein wundervoller Spaziergang mit Bübchen. Ich hatte den Stein aus meinem Hofmannring verloren, und wir suchten den ganzen Weg ab. Bubi in großer Aufregung, weil ich ihm gesagt hatte, daß es ein Zauberring sei. Ich glaub' ja auch selbst, daß der Ring ein Leben hat, es ist schon so oft etwas mit ihm passiert. Das Kerlchen war zu süß in seiner Liebe und Angst, daß mir etwas geschehen könnte.
Und heute morgen ist der Stein wiedergefunden.
Ein böser Tag heute und melancholisch. Erst voller Freuden aufgestanden, weil endlich einmal herrliches Wetter. Dann aber beim Rechnen großer Zank, ich werde ganz wütend, schmeiße alles hin und sage ihm, ich lernte überhaupt nicht mehr mit ihm, gehe weg und heule. Ich muß jetzt wirklich arg nervös sein, sonst bin ich doch nicht so hysterisch. Er ganz betroffen, will mir seinen guten Mauswillen zeigen und setzt sich zum Schreiben. Ich ignoriere ihn, auch als er mich trösten kommt wie beim Essen. Leg' mich nachher im andern Zimmer schlafen. Dann Versöhnung mit beiderseitigem Geheul. Es ist ein so gutes Tierchen, warum muß ich ihn und mich mit der verdammten Lernerei plagen. Es ist Unsinn, daß man es spielend betreiben kann, für ein normales Kind ist es immer Quälerei. Und ich bin auch ein großer Esel und sollte selbst zu allererst Prügel haben, d. h. ich hab' ihm keine gegeben, nur moralische. Aber ich sollte schon welche haben, daß ich selber wie eine eklige Gouvernante werde und es zu ernst nehme. Ein Kamel bin ich auf der ganzen Linie.
Ich bin nicht mehr ich, wenigstens nicht immer, und weiß wohl, warum: Allein hätte ich bleiben sollen, Hallwig hat tausendmal recht gehabt, wenn auch in einem Sinne, den er selbst nicht durchschauen konnte.
Es war nicht Willy, der an mir gezehrt hat. Ich darf nur lieben, aber niemals jemandem gehören, nur mir und der Maus, dagegen hab' ich mich verfehlt. Wann hab' ich denn die Ruhe in mir selbst gehabt wie früher, wo ich so sicher darin war. Aber Geduld, es kommt wieder, ich komme immer wieder zu mir selbst, und ich kenne die Symptome, es dauert nicht mehr lange.
Doch es bringt viel Schmerzen mit, die jetzt schon um mich gewittern. Mit darum bin ich auch so trüb gestimmt, und es liegt schwer auf mir. Viel Weiches und Liebes war da. Ich muß es aber wieder fort haben.
Nachmittags gemalt, nervös. Doch ich weiß, daß nach allen Gemütsexzessen immer ein Aufschwung kommt, ein Zusammenreißen. Hab' mir fest vorgenommen, mein Bübchen nicht mehr beim Lernen zu quälen, sondern zu versuchen, ihm damit Spaß zu machen und mich nicht zu ärgern, wenn's schlecht geht. Es ist nur die Angst, daß man mir den Privatunterricht nehmen könnte, wenn er zu wenig lernt.
Vor einem Jahre kam ich von der Schwarzwaldtour und Bregenz zurück. Ludwig kam nach München, grad vor mir, hatte in seiner Ungeduld nicht gewartet, war fortgelaufen, ich wußte nicht wohin und hab' mich so elend gekränkt, daß wir dadurch um einen Teil des Abends kamen. Um zehn war er dann in der Kaulbachstraße, wir sprachen lange. Nachher im Atelier, wo er schlafen sollte, er nahm mich in die Arme, und wir waren sehr gerührt. Sprach von seiner Krankheit und daß er vielleicht vor mir sterben könnte. Damals aber war von den Nerven noch keine Rede. Am nächsten Morgen fuhren wir zuerst zum Hofbräu, dann zu Français, Diner in der Kaulbachstraße und nachmittags zu Quenstedt. Er war sehr elend und konnte manchmal kaum gehn. Am Abend fuhr er wieder ab, wir saßen noch im Bahnhof. Dann ging ich um Mitternacht heim und hatte das Heimatgefühl wie immer, wenn Ludwig dagewesen war.
Nur nicht denken, nicht immerfort dran denken. Nicht an Tod und Sterben denken, es wird ja schon besser, aber ich kann's immer noch nicht lassen.
Neulich ein wahnsinniges Gewitter. Das Haus dröhnte und klirrte bei jedem Schlag Maus und ich krochen unter die Bettdecken und zitterten, und ich bildete mir fest ein, im nächsten Augenblick wird uns der Blitz treffen. Nachher Orlonsky triefend angekommen. Bubi: «Es ist hier ganz wie in des Teufels Stube.»
Viel gearbeitet, doch immer noch nicht hab' ich mich selbst beisammen. Mit Bubischule geht's besser, ich halte meinen Schwur, ärgere mich nicht mehr und lasse es con amore gehn. Und wir sind sehr vergnügt dabei.
Bassewi's für mehrere Tage da. Arbeit adieu, zappelig, aber es ist nicht zu schlimm, d. h. es ist doch schlimm, man zerfuselt und zerfasert sich ein paar Tage und fühlt sich öde. Drücke mich mit Bubi recht viel beiseite, aber arbeiten kann ich dabei nicht.
Am neunten mit Bubi nach München zur Prüfung. Das arme Tierchen hatte Angst und machte es nicht sehr glänzend und war nachher bedrückt, hab' ihn aber dann durch die versprochenen Geschenke beruhigt.
Nacht mit Henry und Lisa in Onskys Höhle, ich etwas sentimental, weil meine eigne Sommerblüte verregnet war. Sendt hatte mir am Abend erzählt, daß der Bub weg ist nach Berlin ich hatte gedacht, ihn zu besuchen, und der aufgelöste Rest hatte sich gelöst. Aber ich bin schon längst drüber weg. Es war ein recht schönes Blatt in meinem Buch und damit gut.
In O.'s kleiner Höhle fühlte ich mich so wohl, als ob sie mein wäre, im genre von vor zehn Jahren. Abends Bübchen und ich uns Futter mit heimgeschleppt und zusammen soupiert.
Monsieur einen Abend Herrgott, nein, ich mag ihn nicht mehr.
Hofmann ich hab' nur das Gefühl, laßt mir meine Ruh'. Die Frühlingsromantik hat mich einstweilen für alles verdorben, und die dreifachen Anfechtungen in den drei Tagen ließen mich nur kalt.
Bei der Rückkehr noch die ganzen Bassewi's und die zwei Misses hier. Dann war's endlich einmal Schluß, wieder ruhig und gearbeitet. Bubi hat sich als Belohnung einen Kimono ausgebeten und ist jetzt selig damit.
Maja will herkommen, mich zuerst sehr geärgert und quasi abgeschrieben sie bat dann noch einmal, nein, ich bring's doch nicht übers Herz und hab' ja geschrieben. Aber lieber wär' ich allein, es ist so gut, allein zu sein. Mit Menschen ist's mir, als ob man innerlich zusammengeschnürt würde.
Von Hallwig geträumt, daß wir zusammen wie früher. Es ging mir ein paar Tage nach was hab' ich verloren, mein Gott und keinen Ersatz dafür gefunden.
Wenn nicht das Schandwetter wäre, gute Tage jetzt. Alles ist mir froher, wenn die Sonne scheint, aber fast immer draußen trüb und grau, man muß sich förmlich wappnen dagegen und alle inneren Sonnen mobil machen gegen die inneren noirs. Übe mit Bubis Geige. Heimlich bin ich immer so überzeugt von meinem Können, wenn ich nur die Möglichkeiten dafür habe. Nur stört mich Hohn von andern, darum versteck' ich's ängstlich.
Bubi gemalt, nachmittags am See, Wellen, und ich wieder ängstlich. Ich habe Furcht, mein Leben durch irgendeinen dummen Zufall einzubüßen, ehe ich will. Dabei ärgert's mich, feig zu erscheinen.
Draußen ein göttlicher Morgen. Nebel und Tau. Meinen Spiegelakt gemalt. Dann nach Oberwinkl, die zwei Kinder von der Oxerin im Freien, verdammt schwer. Mit Jean Paul geschlafen. Geige geübt. Frösche gemalt, in dem See gebadet.
Brief von Agnes mit der Wulfshagener Grabkapelle.
Früh Frösche gemalt, die Maus gestern in Oberwinkl gefangen hat. Dann zur Oxerin und die Kinder weitergemalt, die abscheulich werden. Ich weiß nicht die kleinste Störung bringt mich um, und ich kann nichts mehr machen.
Ein Brief vom Coeurbub, mich so gefreut. Ich benehme mich innerlich manchmal wie ein Backfisch, aber was soll man dagegen tun. Der arme Junge.
Morgens Oxerinkinder zu Ende gemalt. Nach Tisch mit Bubi ins Moor, um den oft geträumten Weg zum See zu finden. Aber umsonst, am letzten Schilf gescheitert, wo man zu tief einsank. Und eine Hitze wir kamen nach zwei Stunden glühend und schmutzbedeckt heim. Dann Bubiakt gemalt, er sitzt in der Laube und liest den Glückspeter.
Abend, noch halb hell und der Vollmond scheint. Wie bin ich allein, hätt' ich einen Menschen, mit dem ich jetzt reden könnte von aller Sehnsucht, allem Wollen. Onsky ist so anders, er will nicht nur im Mondschein radeln oder gehen, nur radeln, wenn er irgend wohin will. Maus ist zu Bett. Das ist mein Trost, das kleine Herz, das immer größer wächst und einmal alles mit mir teilen wird, es tut's ja jetzt schon mit seinem Kinderverstand.
Bubiakt in der Laube. Dazwischen klettert er hinter mir auf die Fensterbank, und es gibt ein großes Religions- und ethisches Gespräch. Muß ihm die Grundlagen des Christentums erzählen, die Schöpfungsgeschichte findet er sehr komisch. Dann holen wir uns ein Fischerboot, aber solche Scharen von Bremsen, daß wir verzweifelt umkehren.
Hagenau. Die beiden Mädeln angefangen. Dann Bad, hatte nur das kleine Boot mit Schlagruder, greuliche Arbeit. Bubi wirft den Hund Bobby zum Boot hinaus, schelte ihn dafür, und er watet an Land, um ihn wieder zu holen. Hält ihn an sich gedrückt, und Bobby zerkratzt ihn aus Angst von oben bis unten. Das arme Bübchen schreit jämmerlich: «Du unartiges Böbbchen, du abscheuliches Böbbchen,» schleppt ihn aber weinend und jammernd bis ans Boot. Nahm ihn dann auf den Schoß und tröstete ihn, und er schmiegte sich so süß an mich, ganz kalt und verwundet. Dann heim und ich nach Übersee, Maja abzuholen. Sie kam schön, anmutig und lieb wie immer.
Nach Herrn- und Frauenchiemsee. Das Schloß angesehn, eine Wonne, Bubi zu betrachten, der ganz entgeistert und vertieft mit weit offenen Augen alles anschaut: «Das viele Gold.» Was für Märchengedanken mögen in dem Köpfchen herumgehn, wenn es so etwas sieht. Mir auch, d. h. über den schönen, einsamen König mit dem Verlangen nach wahnsinniger Pracht, und doch ist sie nicht geraten.
Der Spiegelsaal, in dem er für sich allein alle Lichter anstecken ließ und das goldne Bett, wo er dreiundzwanzigmal geschlafen hat.
Male der Maus nachher aus, wenn er hier König wäre, mit dem Tischlein deck dich und mit der Krone auf dem Haupt durch den Park ginge. Und seine Augen leuchten. Muß ihm nachher noch endlos vom König Ludwig erzählen.
Regentag. Maja über Nacht geblieben und mit ihren offenen goldenen Haaren morgens beim Frühstück Maus gemalt. Nachmittags Blätter gezeichnet.
Nach München. Lisa, Cecconi, Sendt, Bams. Geburtstagsbesorgungen für Bubi. Beide nervös. Des armen Bübchens Zahn plombiert. Es ist greulich, wenn solch einem Tierchen etwas wehtut.
Zurück mit Bams, werde auf die Länge sehr zapplig, hier niemand vorhanden, gehn an den See und baden. Mit den andern zurück und abends Grabenstätt. Todmüde.
Alle zusammen gebadet. Endlich fange ich an, meine Zwangsvorstellungen zu überwinden und schwimme ohne Grund, was ich seit drei Jahren nicht mehr gewagt habe. Die arme Maus hat so miserable Angst. Vergebens versucht, ihn bis an den Hals ins Wasser zu bringen. Nachmittags Bassewi's fort. In Winkl aufgeräumt, zu müde zum malen. Eine ganze Woche verbummelt, ach, ist das greulich. Abends aufgerafft und Igel gezeichnet.
Könnte doch jetzt ein paar Monate alles bleiben wie es ist! So selten, daß man die Gegenwart erstrebenswert findet. Alles in Harmonie. Ich bin in guter Verfassung, jeden Tag ganz als ein Stück Leben zu empfinden. Aber dann kommt gleich wieder der Neid der Götter.
Brief von Lutz an Onsky, daß er ans Marionettentheater mit guter Gage engagiert wird, aber er muß gleich kommen. Nun ist wieder alles Schöne hin, denn hier ohne ihn, nachdem wir eine so gute, schöne Zeit zusammen hatten ach, ich mag nicht daran denken, und doch steht es schon so nah vor mir vielleicht schon übermorgen.
Gestern abend der Brief. Ich zuerst zapplig, aber natürlich muß er's tun, das seh' ich ja ein. Wie reut's mich, daß ich manchmal geschimpft habe des Alleinseins wegen. Nun tät ich lieber alles fliegen lassen, um Onsky zu behalten. Er früh auf dem See gesegelt. Unwetter und Todesangst, daß es schief gegangen. Dann kommt er ganz durchnäßt heim und erzählt von der Bootsfahrt, und ich möchte mit dabeigewesen sein. Hat an Lutz telegraphiert, jetzt kann's jeden Tag sein, und mir ist so sehr wehmütig. Warum wird mir denn in diesem Sommer alles weggenommen, alle Liebe.
Zähl' die Tage und Stunden, wo ich ihn noch habe. Innerlich zittert alles in mir.
Ich hab' Onsky im weißen Anzug im Garten mit solcher Wollust gemalt. Dachte erst, es würde «fein», aber nachher im Zimmer, ach Gott, wie schaut's dann aus.
Auf der Fraueninsel mit Onsky und Maja. Ein schöner, langer Tag aus dem blauen Wasser.
Mausgeburtstag. Früh Feier in der Kapelle. O. hatte alles mit Kerzen geschmückt, blies auf der Handharmonika und tanzte für die Maus einen Festtanz. Maja mit ihren goldenen Haaren war da und Mausi, das Herz, sehr glückselig. Nach Tisch war er verschwunden. Onskys letzter Tag, melancholisch, nicht zum Aushalten, ausgegangen, um Bubi zu suchen. Immer über die heißen Felder an den Heuleuten vorbei nun ist dieser Sommer zu Ende, was hat er mir alles genommen und was alles gegeben. Ludwig ist tot, und nun O. fortgeht, hab' ich keinen Menschen mehr außer meinem kleinen Bübchen. Als ich nach Oberwinkl kam, lag es am Froschteich und hatte drei Frösche in einem Kübel gefangen. Auf vieles Zureden ließ er sie wieder springen, und sie hüpften mit Riesensätzen in ihren Teich zurück. Zum See zur Bootsfahrt mit Onsky. Uns dabei noch einmal gezankt. Warum zanken wir dummen Menschen uns, warum sich von dem kurzen Leben auch nur eine Minute verderben? Abends so traurig zurückgefahren. Dann kam er ewig lange nicht. Maja und ich Bübchens Feuerwerk abgebrannt wie es sich freute! Sagte ihm, ein großer Frosch hätte es für ihn abgegeben, das glaubt er alles.
Orlonsky abgefahren. Sonderbar, am Morgen ganz früh lag ich im Bett und dachte, oft hat er doch wie ein Alp auf mir gelegen, was hab' ich alles unter ihm gelitten, dann aber fing der Abschied an zu brennen. Als er eben fort war, fuhren Maus und ich mit Rad noch schnell nach Übersee, um ihm noch einmal Adieu zu sagen, aber grad' fuhr der Zug ab. Dieser erste Tag allein schrecklich. Aufgeräumt, Maja und ich. Auch sein Zimmer, alles verödet und leer. Nachmittags auf dem See, gebadet, immer das Gefühl, wo ist denn Onsky, gestern um die Zeit war er noch da. Abends im Mondschein kann ich's nicht aushalten vor Weh. Wann kommen wir wieder zusammen so vielleicht nie wieder. Trinke ein Bier, um mich dumm zu machen, schließe die Läden, damit ich den Mond nicht sehe.
Sonnentag, aber kein Sonntag mit ihm. Sonst holten wir ihn früh zum Kaffee, und Bubi sang: «Onsky, Onsky, Äffchen, willst du mit mir ein Käffchen?» Zur Post, allerlei abgeholt. Maus geht aus, seine Ringelnatter-Fischchen fangen. Am See, die Schwerter ans Boot gemacht, weil wir morgen die große Tour um den See machen wollen.
Gestern abend von unserer Tour zurück. Montag früh das Bötchen aufgetakelt und ausgefahren. Zuerst nach Seebruck, eine Hitze, mon Dieu. Unterwegs an einem steinigen Strand gebadet und gefuttert, wie Bübchen sagt: «Nackte Wasserrestauration.» Um drei wieder in Seebruck, bis acht Uhr in Gstadt. Zuletzt Fahrt im Mond, der ganz rot aufging. Nachtlager beim Huber. Früh den Sonnenaufgang grad vom Bett aus. Steinmetz getroffen. Weiter nach Stock, Fraueninsel und heim. So schön auf dem blauen Wasser unter dem blauen Himmel mit der brennenden Sonne. Verbrannt und tüchtig müde. Die letzte Stunde auf dem Rückweg so gerudert, daß ich beinah auseinanderlief, und dann fuhren wir fest und mußten aussteigen, um loszuschieben. Mordsangst, mich zu erkälten, aber es ging gut ab.
Ach, wie wir gestern ausstiegen und ganz Hagenau und Hirschau uns mit Gejuchze am Strand begrüßte, das war so wohltuend. Diese Leute wie die Hagenauer schwärmen einfach für uns, und das tut einem gut.
Wieder am Haus gemalt, jetzt mag ich's nimmer sehn. Hab' noch so viel andres hier, was ich malen möchte. Mäßige Skizze vom Garten. Hätte ich doch noch zwei Monate Zeit, aber gearbeitet hab' ich in diesem Sommer doch. Gestern nur ein kurzes Briefchen von O., viel zu wenig für meine Traurigkeit.
Skizze von der Waldwiese mit dem Wasserhäuschen ganz mißraten. Eine Schwüle, daß man zerplatzen möchte. Nachmittags endlich erlösendes Gewitter.
Komische Träume in letzter Zeit: Bubis Geburtstag, er klagt über Zähne. Ich schau' ihm in den Mund und sehe hinter jedem Zahn ein winziges Froschköpfchen. Mir wird ganz kalt vor Schreck, und ich denke: Hab' ich ihn denn so vernachlässigt? Mit ihm zum Doktor, und der sagte: «Oh, das kommt schon vor, besonders bei Kindern.» Dann zeigte er mir drei Wespen, die er eingesperrt hatte und ein kleines Stück grünes Tuch. Erzählte: «Sehn Sie, das haben die Wespen mir gefärbt.» Ich sollte draus sehn, daß Unmögliches möglich wäre, sah es auch ein und war ganz befriedigt.
Hat die Maus gelacht, als ich ihr am Geburtstagsmorgen den Traum erzählte.
Vormittags Oxerin fertig gemalt, nachmittags nach München.
Beim Baschl gepackt, abends nach Solln, wo Bubi haust. Onsky und Lutz. Das war eine solche Freude. Baschlumzug am 18. vollendet. Nächsten Tag Wohnung gesucht, Donnerstag ein Lokal in dem alten Atelierhaus, Theresienstraße 54, gefunden. Im Luitpold Juxer und Gaston, Lisa und Bams. Juxer und Gaston später mit mir nach der Schönfeldstraße zu O. und bis vier gesessen. Juxer rückt mit seiner Beichte heraus. Ernste Beratung.
Freitag Einzug, mit den alten Hausweibern Krakehl bekommen und gleich gekündigt. Darüber später mit Gaston in fröhliche Laune geraten und weiter gesucht. Sonntag Pause gemacht, in Ebenhausen bei Rütgers. Endlich am Montag Wohnung gefunden. Ich war die Geschichte auch gründlich müde.
Dienstag wieder Umzug der dritte. Es hat wirklich gelangt. Todmüde nach Solln. Dort ein grantiger Brief von O. Ganz niedergeschmettert. Dazu noch Schwindsuchtsgefühle und Fieber.
Endlich glücklich heimgefahren.
Noch einen richtigen langen Winklschlaf gemacht und den ganzen Tag herumgeduselt, morgens nach Grabenstätt und nachmittags in den Wald. Maja kam abends.
Melancholisch, immer muß ich an Orlonsky und den Sommer denken und möchte ihn zurückrufen können. Und dann kommen die gewohnten Spinnereien. Dazu Hallwig, Schäftlarn etc. Bin überhaupt schlecht aufgelegt, die Ermattung kommt nach, möchte immer schlafen und genieße auch nichts so sehr wie das ungeheure Geschlaf, das ich hier treibe.
Montag Brief von Gaston und Henry. Daraufhin schleunigst nach München. Große Lust, mit nach Mexiko zu gehn. Himmeldonnerwetter. Nachmittags Gerichtsvollzieher, wegen Fluchtverdacht gleich Pfändung. Mon Dieu, hört's denn niemals auf. Während ich mich für die Fahrt nach München umziehe, pfändet der Kerl mir die Räder, mein rotes Jackett etc. pp. München abends bei Baschl. Henry mit dem urgermanischen Unternehmen. Pläne geschmiedet, daß Henrys Bruder mich kennen lernen und eventuell mitnehmen soll.
Wieder Henry und noch einmal Henry. Nachmittags großen Jour im Leopold gehalten. Erst Lola und Nöck, dann Bams, Maja, Lisa, Gaston, Juxer etc.
Mit heißem Kopf wieder nach Winkl gefahren, mir war wirklich, als ob mein Gehirn und alle Gedanken in Flammen ständen. Soll ich, soll ich nicht? Ach Gott, fremde Länder, und gerade Mexiko, malen, Geld verdienen und dann wieder zurück zu O. Das wäre ja das einzige, was mich zurückhalten könnte. Aber es können noch tausend Sachen dazwischen kommen, eigentlich alles. Ob der Urgermane überhaupt einschnappt, ob ich mein Geld rechtzeitig kriege, Henry sich dazwischen legt usw. Es ist verdammt unsicher. Aber in Gedanken sitze ich schon auf dem Schiff und erwarte ungeheure Wunder.
Ich soll ja sowieso fort und würde O. ein halbes Jahr nicht haben.
Ebenso begeistert aufgewacht. Geträumt, daß ich all meine Habe in Konservenbüchsen packte und nach Amerika schickte.
Dann lief ich in einem wundervollen seidenen Domino durch die Straßen und suche nach Opfern. Schwarzseidene Halbschuhe. Kam in alle möglichen Cafés und fand mich sehr schön.
Geträumt, daß Hofmann in einer Grotte herumraste und für eine Nymphe schwärmte. Zuletzt stand er da und schrieb Verse an sie an die Wand: «Kommst du zum Frühstück, quell ich ungespundet. Frühstückst du nicht, so bin ich tief verwundet.»
Zwei Skizzen vom Fenster aus gemalt. Alles, was ich jetzt mache, ist abscheulich, und ich bin nicht recht dabei, weiß nicht warum, bin aber sehr verstimmt.
Vormittags in O.'s Auftrag für den Grafen das Haus gemalt, er will's ganz genau und schön ausgeführt, das will und will und will nicht gehn. Ganz nervös darüber, nachmittags weiter dran.
Mit Bubi im Moor, wundervolle Farben, aber beschwerlich zu gehn, wühlen uns mit Mühe durch ein langes Dickicht, werden beide sehr müde und zanken uns etwas. Hagenau, noch einmal den Professor gemalt. Ihm ist das Modelltum zu Kopf gestiegen, ist außer sich vor Seligkeit.
Vorgestern O. zurück, all die Tage ein Götterwetter, aber ich bin nur noch halb hier. Reisesehnsucht. Überhaupt bin ich ganz durcheinander, auch körperlich so zerschlagen wie immer eine Zeit im Herbst.
Bobbys letzte Tage. Das arme Tier quält sich und wir können uns immer nicht entschließen, dem ein Ende zu machen. Bubi weint, daß er sterben soll, will ihm ein Bäumchen aufs Grab pflanzen, damit seine Seele in das Bäumchen geht.
In Hagenau, meine «Porträts» gefirnißt und über das abscheuliche, trostlose Geschmiere deprimiert geworden. Einzige Genugtuung, daß der Alte über sein Bild in der Feuerwehrmontur ganz verrückt ist und lange sinnend davorsteht.
Nach Traunstein, um die Räder richten zu lassen. Sehr vergnügt. Aber alles macht mich jetzt kaputt und greift mich lächerlich an. Ich bin neugierig, ob das nur vorübergehend ist und was der Doktor in München sagen wird.
Ach, mein Winkl, nun läutet es schon in allen Ecken nach Abzug. Man malt nicht mehr und möchte eigentlich schon packen und räumen.
Ein schwerer, schwerer Abschied von Winkl. In Hagenau von den guten Leuten am Abend vorher Abschied genommen. Wie man doch an all dem hängt. In München in O.s kleinen Zimmern in der Osteria.
Mit dem Abreisen will's nicht vorwärts, der Zahndoktor hält mich immer wieder auf. Wieder ist's ganz gemütlich, wird mir schwer, fortzugehn, allein und weit. Wenn ich irgendwo hinfahren könnte, wo ich weiß, wie es ist, mich dort mit allem etablieren. Aber so ist's so fad. Ich will ja nicht herumflitzen, sondern baldmöglichst festsitzen und malen. Das könnt' ich hier alles viel besser haben. Na, es soll wohl sein.
Nun sitz' ich hier und verfluche die Reiserei ein wenig, komme um vor Heimweh. Wär' die Blamage nicht so groß, so tät ich wieder umkehren.
Die Seefahrt sehr schön, am ersten Abend gleich eine Bora und das arme Bübchen recht seekrank. Dann schöne Tage, immer an Deck. Aber Dalmatien war ein falscher Traum, lauter graue Steinhaufen mit grauen Häusern, die Nester selbst für mich zu primitiv. Unmöglicher Gedanke, da lange allein zu sitzen. Also weiter nach Ragusa gefahren und vom ersten Blick sehr entzückt. Doch wieder nichts zum Bleiben, keine Privatwohnungen, außer ganz teuren, und kein Strand, nichts Anheimelndes. Ein einfaches Häuschen am Strand, und ich wäre zufrieden. Eine dumme Geschichte, da wir soviel Geld verfahren. Aber trotzdem weiter nach Korfu. Wo sonst hin? Nach Italien kann man von hier aus nicht.
O Gott, ist mir fad, nur wenn ich draußen mit meinem Bübchen herumlaufe oder schlafen gehe, ist es erträglich, sonst frißt das Heimweh mich mit Haut und Haaren auf.
Sturm und Regen, im Herzen Nacht.
Ach könnte ich heim, heim.
Zahnschmerzen, sehr angegriffen, möchte wenigstens Skizzen machen vom Fenster aus. Verdammtes Weib, verspricht mir ein Zimmer nach dem Markt, krieg's aber nicht. Malsachen schon ausgepackt.
Ein Tag wie der andre. Jedes Eckchen in der Stadt angeschaut, gehn Kaffee trinken. Spaziergang nach Gravosa oder der andern Seite. Das Treiben vom Markt betrachtet mit den wirklich schönen Kostümen. Abends Futter eingekauft und im Zimmer Essen gerichtet. Ausflüge zu kostspielig, überhaupt etwas Angst, wie weit es mit dem Geld geht.
In der Agentur. Schiff nach Korfu erst Sonntag. O Sakrament. Wie wird's dort sein? Ich merke schon, ich hab' den richtigen Unruhetatterich, der mich überall wieder weiterjagen wird.
Freitag. Na, Gott sei Dank, morgen geht ein Schiff, besser wie das andre. Montag früh in Korfu. Himmelherrgott, wenn ich dort auch wieder einpacken muß. Dann geh' ich einfach nach Rom und basta.
Samstag.
Erlösung naht. Bin ich froh, wenn ich aus dem Beisel hier heraus bin und das malerische Panorama nicht mehr sehe. Ich weiß es schon mehr wie auswendig. Vormittags nach Gravosa, Dampfer noch nicht gemeldet. Kann sich verspäten, weil brutto mare. Früh von Ragusa nach Gravosa hin- und zurückgebummelt, nirgends kann man an den Strand kommen. Ein paar schlechte, kleine Skizzen gemacht. Nachmittags gepackt, telephoniert, Schiff noch nicht da. Geld gewechselt, die Wiener Leute im Imperial besucht. Als wir zurückkommen, ist das Schiff da. Im Galopp aufgepackt und nach Gravosa. Der schwarze Facchino, der uns seit der Ankunft umlauert, steigt mit auf den Wagen, um unsre Sachen aufs Schiff zu tun. Also addio, schöner täglicher Weg.
Auf dem Schiff gleich erleichterte Gefühle. Komisch, auf dem Schiff hab' ich immer ein gemütliches Zuhausgefühl, wir fahren erster Klasse und fühlen uns als reiche Leute. Gemütvolle alte Cameriere: Che comandi Contessa?
Essen zu Abend, Bübchen zu Bett und Abfahrt. Dann geht das Getobe los, trotz meiner Seefestigkeit nicht gut geschlafen.
Sehr unruhige Fahrt und glänzendes Essen. Bübchen im Klappstuhl auf Deck gefuttert, ist blaß und vergnügt. Ganze Vormittage an Deck, mit dem Commandante italienisch geredet. Ein alter Türke an Bord, der seine Pantoffeln aus- und anzieht, sich Kaffee kocht und sein Gerümpel im Gänsekäfig etabliert hat, eine Jüdin aus Berlin nach Jaffa auf Zwischendeck, sitzen alle elend und stumpfsinnig neben ihren Koffern am Boden, auch nachts draußen.
Nachmittags schwer geschlafen, Bubi im oberen Bett.
Um vier in Brindisi. Die andern Passagiere, die. alle krank waren, kommen aus den Kabinen gekrochen, der Schiffsarzt, selber als Leiche, muß konstatieren, daß alles an Bord wohl. Gehe mit ihm und dem ersten Offizier an Land. Den Hafen längs elende Hafenstraßen und schmutziges Pack, haufenweise Kinder vor den Türen. Denke an Henry und an den Morgen hier, wo wir zappelten, nach Hause zu kommen für Weihnachten.
Abfahrt, und wieder geht der Tanz los, noch vor dem Abendessen alle bis auf den Offizier verschwunden. Wir sitzen nachher an Deck im Mondschein. Ein wundervoller Abend das bewegte Meer und Bubi, der ganz verzaubert ist. Nachts Sturm und Gewitter. Liege wach und stelle mir vor, daß wir untergehn. Am 4. Dezember in Korfu. Hatte an Dhesyllas telegraphiert, aber niemand da. Ungemütliches Gefühl, daß man nun wieder halt machen muß. Wäre am liebsten weiter nach Ägypten gefahren. Der gestern hat mir so Lust gemacht und war sympathisch.
Steigen im deutschen Hotel ab. Sofort einen großen Spaziergang in die Stadt bis Castrades. Gleich vergnügt geworden. Alles so viel schöner und sympathischer als das Vorherige. Frühlingsartig, Schafe, kleine Lämmer, Orangenbäume, Rosen. Die üppigsten Gärten und freundlichsten Häuser. Ja, da hat man schon Lust zu bleiben. Bübchen selig, entzückt, und wir sind so froh, so erlöst. Hier müssen wir etwas finden. Fassen den Plan, gleich nachmittags nach Gasturi zu fahren, um Wohnung zu suchen. Mittags erscheint Dhesyllas und fährt mit. Gott, ist das hier schön, wie ein Zauberland. Gleich hinter der Stadt zieht sich die lange Kaktushecke entlang, der weiße Weg, das Griechenvolk, das mir doch lieber ist wie jenes andere. Lauter Samoserinnerungen, Esel, Maultiere, Ziegen, ach, freut sich das Kind daran, ein fortwährendes Geschrei: «Schau Mamai, die guten Esel.» Ich begreife so gut, daß sich die Götter Griechenland ausgesucht haben und bin vor Freude ganz weg, daß ich hier bin. Benizze hab' ich mir so verlockend gedacht, direkt am Meer etc. In Wirklichkeit aber garstig. Der Strand ist zwar da, aber direkt daran eine abscheuliche Häuserreihe voll schmierigem Pack. Hinter dem Dorf Berge, das ganze wie eingeschlossen. Könnte dort ein ganzes Häuschen mit einem zauberhaften Orangengarten für uns bekommen. Nachher Gasturi angeschaut, der Ort viel schöner und die Umgebung auch. Aber nur ein Zimmer. Mache es gleich fest, um Schluß zu haben, todmüde und arg Kopfweh. Nächsten Morgen reut's mich ein bissel, denk' ans Orangenhäuschen. Nachmittags mit Sack und Pack hinausgefahren und eingeräumt, wobei ich halb wahnsinnig werde vor Engigkeit und die Wahl verfluche.
Morgenspaziergang mit der Maus, ärgere mich noch immer, daß ich nicht nach Benizze ging. Maus macht mir Vorwürfe, weil ich nicht das schöne Orangenhäuschen genommen hab'. Nach dem Spaziergang sind wir aber wieder mit unserm Platz versöhnt. Ist das eine Landschaft! Da sitz' ich mit Freude in jedem schäbigen Loch.
Wetter manchmal wundervoll, manchmal wieder schlecht, manchmal dunkler Himmel wie bei uns beim Gewitter und Sonne dazwischen.
Gezeichnet, mit Bubi gelernt, zweimal nach der Stadt den langen, langen, aber schönen Weg. Die Tage gehn schnell. Abends den Weg nach Benizze herunter. Die Stimmung über dem Meer und den Zypressen ist so göttlich schön. Ein paarmal am Strand drunten und Mäusegejauchze über das Meer, wie ein kleiner Vogel breitet er die Arme aus.
Einen neuen Weg entdeckt, wo ich viel malen werde, kleine verlassne Kapelle mit einer Riesenzypresse. Den ganzen Weg entlang kein Mensch zu sehn.
Verdusle viel Zeit und fühle mich nicht recht wohl, körperlich und auch sonst nicht ganz, noch nicht genug auf den jetzigen Zustand eingerenkt.
Am schönsten ist's, wenn Briefe kommen, aber auch traurig.
Maßloses Sauwetter, Sturm, Regen in Güssen, schlechtes Vergnügen, immer treppauf und -ab in die Küche zu laufen, zwanzigmal am Tag. Regengüsse auf den Kopf, und alles schwimmt. Die Küche, unsre Räuberhöhle, ist manchmal sehr gemütlich. Heute den ganzen Tag im fürchterlichsten Rauch dort zugebracht. Briefe kamen von Onsky und Fädchen, und wir waren sehr vergnügt. Ganz früh noch mal zur Stadt auf dem Abkürzungsweg, der aber beinah gleich lang ist. Beide verdammt müde zurück. Unwetter und Küchennachmittag.
Wundervoller Morgenspaziergang unter Felsen. Narzissen, Rosen.
Morgens am Strand, abends zur kleinen Kapelle. Eine Totenbahre, die genügt, um mich wieder ganz melancholisch zu machen. Überhaupt oft schrecklich deprimiert, schlafe schlecht, fürchte mich, träume greuliche Sachen. Einmal eine unterirdische Höhle voll abscheulich geschwollenen weißen Gestalten, und man sagt mir, das wäre der Himmel der Ungläubigen. Ich: «Dann will ich lieber wieder zum lieben Gott zurück.» Denke immer, immer an Ludwig und hab' Angst, daß ich selbst sterbe.
Anderes Zimmer bekommen. Ist das angenehm, man kann sich wieder bewegen und gerät nicht über jeden Gegenstand in Verzweiflung.
Hab' jetzt die Küche am selben Flur, also früh unser heißes Wasser statt dem Gfrett und Gefrier da oben. Warum bin ich so greulich verstimmt? Es muß der Luftwechsel sein und die fortwährende Gewitterluft. Damit tröste ich mich. Bubis Geige aufgerichtet, jetzt mit allem anfangen und Energie zusammensammeln.
Ach Gott, ich wollte, ich wäre friedlich in München. Sauwetter, Sauwetter und kein Ende. Schmachvolles Gewitter bei Nacht, durch das man nicht schlafen kann. Hab's schon satt und tät am liebsten weiter fahren. Nicht wohl, liege halben Tag im Bett. Überhaupt die ganze Zeit hier nichts Rechtes mit mir.
Abendspaziergang mit Maus und große Weihnachtsmelancholie. Denke soviel an Ludwig.
Zur Stadt. Wundervoller Morgen und schönes Griechenland. Bei dem kleinen Café gesessen und gewartet, bis ein Kerl uns einen Wagen holt. Bübchen macht seine Einkäufe für mich mit großer Geschäftigkeit und Aufregung. In der Stadt Festtag, St. Spiridiones. Kerzen, schmierige Priester, Wagen mit geschlachteten Schweinen haben wir gelacht. Auf dem Rückweg stürzen die Gäule, aber der betrunkene Kutscher klaubt sie wieder auf. Zu Haus an dem Zypressenbäumchen gearbeitet, meine Gedanken immer Kaulbachstraße in meinem Atelier, wo ich den großen Baum schmückte. Aber dann Maus, große Seligkeit und rote Backen seine selige Freude an allem, nicht zum wenigstens an dem, was er mir schenkt, einen wundervollen großen Schwamm und ein paar griechische Pantoffeln.
Es wurde doch ein schöner Weihnachtsabend mit einem Festschmaus. Bei mir mit ungeheurem Kopfweh, mich zuletzt ins Bett gelegt, und das Bubiherz las mir vor. Konnte mich vor Schmerzen kaum mehr bewegen und denken, aber es war ein wohliges Gefühl, so wehrlos dazuliegen mit dem Weihnachtsbäumchen und dem Herzkind, das so froh war. Am Abend vorher kam Signor Buontempo, der Kastellan des Achelleions, um mitzuteilen, daß Geld für uns beim Konsul angekommen sei, und lud uns ein, morgen mit ihm in die Stadt zu fahren. Es war angenehm, wieder einmal ein freundliches Menschengesicht zu sehn.
Mit Buontempo in die Stadt. Der alte Herr recht lieb. Im deutschen Logierhaus mit Maus Kaffee getrunken. Komische Bude, die, wie ihr Inhaber, einen etwas zweideutigen Eindruck macht.
Gesponnen, ach wie sehr, bis nachmittags Post kam. Von Agnes Kuchen und lange Briefe von Orlonsky und Hofmann.
Wieder Weihnachtspaket von Fädchen und O. Meine Handschuhe mit Bonbons drin. Ach die Guten alle. Uns wurde so sehnsüchtig, am liebsten wären wir gleich auf und davon. Aber sei still, mein Herze.
Draußen Zypressen gezeichnet, die ich später malen will. Wenn ich's doch könnte, ein richtiges Bild. Zwei Stunden am Meer. Gezeichnet, Bubi nennt die Skizze die Rosse des Poseidon. Rasendes Wetter. Abends bei Sturm und Vollmond nach Bella Vista. Die Zypressen biegen sich ganz tief und die Wolken jagen.
Arges Leibweh, Bübchen hat auch Schmerzen in den Gliedern, die Angst, daß er mir krank werden könnte, mein Himmel! Als er Geige übt: «Ach Mamai, das ist so heimatlich.»
Melancholisches Sylvester. Bubi erklärt mir leidenschaftlich, wir sollten doch lieber heimfahren. Wir frieren gottsjämmerlich. Ich denke lieber nicht daran, daß es Neujahrvorabend ist und betrüge die Maus auch darum, warum sich das Herz schwer machen? Nur arbeiten, arbeiten und froh sein und sich zusammensammeln. Wahnsinn geträumt: Heute war ich mit Onsky am Strand, wir wohnten in einer Hütte zusammen, und er kochte Fische. Zu mir kommt plötzlich eine Art Schwertfisch gelaufen und steht mir Modell. Ich zu O: «Schau nur, wie der still hält.» O. wäscht eine blaue Jacke aus, und ich fühle plötzlich, wie meine Zähne abbrechen, erst zwei und dann alle unten mit einem großen Stück Kinnlade und schreie ganz laut: «Onsky, Onsky.» Er: «Ich sollte nur ruhig sein, man könne nichts dabei machen, ich hätte dann doch keine Schmerzen mehr.» Dann lag ich in einem Zimmer auf dem Sofa, im Nebenzimmer Henry, der aber Walter ähnlich sah und mich später amourös und ganz betrunken verfolgte, wie ich grade mit Adrian nach Paris wollte.
So geht's alle Nächte, von allen Leuten, die ich jemals gekannt habe, von Geschwistern, wen es nur gibt. Hab' manchmal Angst, ich werde verrückt und möchte lieber unter Menschen sein.
Mondnacht und viel wachgelegen und nachgedacht, wie schön und reich das Leben doch ist. Man liebt es doch über alle Begriffe und hängt daran. Schrecklicher Gedanke, diese wundervolle Welt mit allen Schmerzen und Freuden einmal zu verlassen. Warum hat Ludwig fortmüssen?
Aber vielleicht, das denke ich jetzt manchmal, wird es noch viel wundervoller. Oft seh ich im Traum Landschaften, ganz überirdisch schöne mit dem Gefühl, daß ich sie kenne, sehe Abendbeleuchtungen in Husum und weiß, nun werde ich gleich mit Catty den Deich hinausgehen, und da wird es ganz herrlich sein.
Will mich ein paar Tage noch ganz ruhig halten, trottle mit Bübchen vormittags im Garten herum im Sonnenschein und finde alles so schön, so schön, hier zu sein. Heitre Krankheitsstimmung mit Freude auf das Gesundsein. Bubi hopst mit seinem Lämmchen, endlich hat er eins gefunden, womit er spielen kann, singt ihm vor, wenn es schläft und ist ganz hingegeben und verliebt. Das alte Schaf sieht sich manchmal um, was er mit dem kleinen treibt und sagt: Mööh. Dann spricht Bubi mit ihm über das Junge, daß es ihm nichts tut etc.
Griechisch gelernt. Dhesyllas. An Orlonsky geschrieben, daß ich heim möchte eigentlich ist's nicht ganz wahr, nur momentweise. Immer froh werd' ich, daß ich hier so tief allein mit Bubi bin, ihn einmal ganz genießen kann, und er ist so ungeteilt glücklich. Malt sich morgens im Bett aus, wenn wir jetzt in München wären, Eisblumen vor dem Fenster und draußen Schnee. Abends Schmalzkücheln gebacken, fasten drei Stunden lang in der Küche, bis sie endlich fertig und gegessen waren, weil nicht alles klappen wollte. Aber es war wundervoll gemütlich, das Weihnachtsbäumchen noch einmal angezündet, und wir lesen beide zwischen der Bäckerei.
Wieder tobende Migräne, warte sehnsüchtig darauf, daß die «Zimmersau» endlich aufgeräumt hat und ich mich wieder hinlegen kann. Zugeschaut, wie die Kerle das Haus anstreichen. Die Alte kriecht stöhnend herum, und alles geht seinen bummligen Arbeitsbetrieb. Bubi und ich malen uns aus, wenn wir einmal ein eignes Häuschen haben werden mit lauter Tieren. Ach ja, das ist nur Traum.
Geträumt, daß ich mit Lisa zum Henker ging, um uns köpfen zu lassen. Wiesel begleitete uns ganz tragisch. Stiegen einen fürchterlich hohen Turm mit einer schwindligen Luke hinauf. Der Henker war ein schwarzbärtiger Mann mit schwarzen Sicherheitnadeln statt Zähnen. Wir faßten die Sache halb als Ulk auf, und zwar wollten wir die andern Leute damit irre machen und zugleich den Henker verulken. Er sagte, heute könnte er es nicht machen, weil wir noch Papiere dazu brauchten, und wir zogen wieder ab, stiegen den Turm von inwendig hinunter und fanden unten drin eine Restauration und eine Apotheke, worüber wir sehr lachten. Dann an einer Statue vorbei, die der «Ruß» hieß, eine wahnsinnige Rüstung anhatte und wie Hofmann aussah etc. Noch viel des Wahnsinns.
Lieber Gott, was willst du von mir? Zu welchem Besten soll es nun wieder dienen, daß ich hier so kaputt herumsitze, statt die helle Freude zu haben. Ich beklage mich nicht einmal über die vier Wochen Sauwetter, die du auch extra für mich so präpariert hast, denn alle andern Jahre soll's besser gewesen sein. Ich habe genug vor, um vier Wochen Zimmerhaft mit Regenspaziergängen auszuhalten. Aber mit diesem nagenden Wurm im Innern und der immer leise gärenden Stomatitis im Munde soll der Teufel mit Vergnügen leben und arbeiten. Ich wünsche mir nur, morgens frisch und wohl aufzuwachen und mein Tagewerk ohne allzuviel Zusammennehmen tun und mit meinem Bübchen vergnügt sein zu können. Ist das zuviel verlangt?
Wie gern wollt ich dem Teufel meine Seele verschreiben, wenn ich dafür Gesundheit hätte. Nur das, nur feste Gesundheit ohne immer neue und alte Plagen, und ich läge täglich auf den Knieen vor Freude an dem Leben. Aber an mir muß beständig gezwickt werden.
Am Montag griechische Weihnachten. Alles Pack in der Kirche, wir auf die schöne Ölbaumwiese gegangen, schönes Wetter, es war, als ob man allein auf der Welt wäre.
Niemand zu sehn und zu hören. Bei herrlichem Abendrot ins Dorf hinunter, um die Leute zu sehn, aber es war schon zu spät, nur noch Nachzügler aus der Kirche. Hundeelend vom Gehen und ganz verzweifelt zu Bett. Träumte, daß ich krank, ein alter gemütlicher Doktor stieg mit vielen Kissen durchs Fenster zu mir ein, maß mich und sagte, ich hätte vierzig Grad Fieber. Ich lag da, war ganz vergnügt und dachte: Nun bin ich doch endlich wirklich krank, nun hört das Gfrett auf. Nebenan feierte Cecconi seine Hochzeit, er hatte zwei Särge kommen lassen, darin sollte die Hochzeit gefeiert werden, und alle fanden es sehr merkwürdig. Nach kurzer Zeit hörte ich die Schandleiche herauskommen und wehklagend die Treppe hinaufgehen. Sie klopfte an alle Türen und rief immer wieder: «Hätte ich mich doch besser vorgesehn, der tut einem ja gar zu weh.»
*
Resultat dieses Traumes war, daß ich mich nun endlich entschlossen hab', zum Doktor zu gehn, um meine Plage loszuwerden, doch keine Lust, in die Stadt zu fahren. Das ist ja immer das Gemeinste an allen Krankheiten, daß man zu nichts Lust und Entschluß hat, alle Mücken zu Elefanten werden und der ganze innere Mensch sich verkehrt. Aber das ist's ja, was der liebe Gott bei mir will, ich soll partout hysterisch, schlechtlaunig, schwerfällig und mir selbst ein Greuel werden, weil die Natur mich gerne zum Liebling der Götter und Menschen gemacht hätte.
O Erbarmen, laß mich nur malen, dann will ich im übrigen schweigen und verstummen. Mit dem aus dem Kopf malen hat es seine Schwierigkeiten, wenn man so viel kann wie ich, o du mein Gott. Und wenn ich's gut angefangen habe, gehe ich in verliebter Verzweiflung immer wieder dran, bis es verpatzt ist. Dann kommt die graue statt der verliebten Verzweiflung und die Sicherheit, daß man's das nächstemal wundervoll machen wird. Ich kann ja so fabelhaft malen, wenn ich morgens im Bett liege.
Gestern, als am zweiten Weihnachtsfeiertag, natürlich wieder Hundewetter. Nachmittags in der Küche uns aufgewärmt. Abends Schmalzkuchen fabriziert und dabei Bubi Homer vorgelesen. Greulich unzufrieden bin ich mit mir, daß ich nervös, zapplig bin, rauche und spinne. Man kann aber nicht allen Sonnenschein aus sich selbst produzieren, etwas muß von außen kommen, etwas hell muß es um einen her sein, sonst kommen die zurückgedrängten Finsternisse aus allen Ecken.
Diesmal hat mein Gebet rasch geholfen, auf den grauen Jammertag folgte ein ganz wundervoller und fröhlicher. Das schönste Wetter, alles strahlte und leuchtete. Wie einem das gleich auch die Seele heller macht. Draußen gesessen und gezeichnet, das Bübchen läuft und hopst mit Rüstung und Helm zwischen Hirtinnen, Brunnenweibern, Schafen und Lämmern. Nach Tisch unter dem Ölbaum mit der runden Bank gesessen und Bubi Homer vorgelesen. Beide immer wieder gesagt: «Wie schön ist die Welt.» Bübchen noch abends im Bett: «Mamai, heute war ein wunderschöner, wunderschöner Tag.» Erzählt mir dann lange Geschichten von Zauberern, ich solle ihm nur eine Schale geben, die wird mit Dampf geweiht und dann gezaubert. «Und dann fang' ich mir eine Katze und zaubre, daß sie eine glückliche Katze wird und nicht mehr hungert.»
Der gleiche schöne leuchtende Tag mit Malen vormittags, Ölbaum, Homer nach Tisch. Dann kam der Doktor und versprach mir nahe Erlösung. Bubi kommt ein Herr Honigbohm oder so ähnlich wäre da. Ich gehe hin. Die ganze deutsche Gesellschaft, der Konsul aus Vallona und der dicke Kapitän. Mich stürmisch gedrängt, am andern Tag nach Kerkyra zu kommen. Etwas unglücklich darüber, aber ich kam nicht aus, werde dabei meine Besorgungen machen.
Nun ist's wieder überstanden, war ich froh, abends nach Haus zu fahren in meine göttliche Stille. Hab's dann erst gemerkt, wie gern ich schon hier bin. Stumpfsinniges langes Gehocke auf dem Schiff, dann zum Entgelt feenhafte Abendbeleuchtung, dachte: Nun bin ich im Süden und höre Griechengeschrei. Ach, dies Deutschgesimpel, der Honigbohm ist ein Trost mit seiner Kölnerei, so ein bissel Allerweltsmensch, den man auch auf Korfu vertragen kann, die andern so eine richtige Wohnstubenecke mit Idealismus aus Deutschland. Bei der Heimkunft das Magazin schon zu, Janie mit der Laterne und ein spätes Abendfutter in der Küche und Geschwätz im Bett.
Geträumt, daß man mich in ein Restaurant in Berlin schleifte, wo es «feine Menschen» gäbe. Da saß Sendt mit einem Haufen Blätterteichkuchen auf seinem Teller, ein Plakat, hier gäbe es die «froscheste Suppe», ein Prinz und ein paar Malweiber. Nachher war ich in den Prinzen verliebt und zog mit ihm herum, mochte ihn aber im Grunde gar nicht, kam in sein Haus in eine Art Ecksaal, wo seine Familie dinierte und machte Konversation. Dachte fortwährend: Ist das eine dumme Situation. Im Nebenzimmer beschloß ich mit ihm, ich sollte bei seiner Mutter Liftboy werden mit roter Jacke und weißen Hosen wie in der Pandora.
Den ganzen Tag im Bett vergnügt an den schönen griechischen Frühling gedacht.
Traum: Ich sollte ein Loch im Boden, das ganz mit Gold gefüllt war, im Auftrag Napoleons vor den Griechen behüten, die davor herumwimmelten. Er hatte lauter alte Handschuhe darübergelegt, ich hob mir einen davon auf und dachte: Der ist von Napoleon, eine große Reliquie für mich.
Wieder herumgefaulenzt, Homer gelesen, Besuch von dem dicken Kasinopaul.
Recht elend, aber ça ira. Zuerst Honigbohm, der doch recht niedlich ist, dann Kavadhes, garnicht wieder loszuwerden.
Alle Tage herrliches Wetter, aber natürlich grade, wenn ich nicht wohl bin und nicht malen kann. Sitze morgens im «Prater» in der Sonne, nachmittags unter dem Ölbaum, lese Bubi Homer vor.
Zur Kirche und Brunnenweihe bei der Platane. Darüber Mittag und wieder den ganzen Tag verduselt. Na, von morgen an wird gearbeitet und wie. Mein Herzbübchen, wenn ich ihm Homer vorlese, tut er seine Rüstung au und nimmt den Schild mit unserm Wappen.
Geträumt, daß ich mit Achilles im Husumer Rittersaal tanzte und maßlos verliebt. Es war eine solche Wonne, wie ich sie selten wirklich gefühlt habe, ganz unsinnige stille Verliebtheit. Um uns tanzten andre Leute, Maja ganz allein kam an uns vorbei mit still seligem Gesicht, wir tanzten ganz eng, meine Füße berührten kaum den Boden. Noch ganz beseligt aufgewacht.
Nachmittag der Honigbohm, nachher Doktor Kavadhes, eine Stunde im Zimmer gesessen und geraucht. Himmel, wurde ich ungeduldig. Dann muß ich noch mit ihm Kaffee trinken, und wir bilden eine derartige babylonische Sprachverwirrung, daß mir nachher ganz dumm war.
Wetter heute früh wie in München, Schneegestöber, lange gelegen und herausgeschaut. Es kam einem so sonderbar vor, der erste Schnee, den ich heuer sehe. Gestern beim Gang am Meer im kalten Wind eine tote Chilona gefunden. Dieser Tage hab' ich Muscheln bekommen, die wie Träume sind, wie antikes Glas, diese schönen Formen. Wenn ich sie nur heil heimbringe. Zurück über den Felsenweg, ein Stück Felsland, wo es von Vögeln wimmelte.
Sturm. Eiskalt. Gemütlich in der Küche gehockt. Fische gezeichnet.
Mit wilder Wut an den unglücklichen Zypressen gemalt, glaubte, nun hab' ich's, und als ich's nachher anschaute, solches Entsetzen, daß ich alles mit Erleichterung abkratzte. Diese Zypressen haben mich wie ein Gespenst verfolgt und mir alle Ruhe geraubt, bis ich sie nun endgültig begraben habe.
Nach Cyriaki zur kleinen Kapelle, ein zauberhafter Abend, die Berge rosa und da oben die Ruhe.
Wieder Cyriaki mit Homer und Zeichnen. Ein Feuer angemacht, und Bubi opfert den Göttern «würzige Kräuter».
Endlich wird meine Seele einmal ruhig und kommt ins Gleichgewicht, ich freue mich an allem, an meinem ganzen Leben. Die Götter haben mir doch Unendliches gegeben, vielleicht geben sie mir noch einmal alles. Nur, daß ich jeden Tag von neuem all meine Kräfte zusammensammeln muß, ist der einzige dunkle Punkt. Ach, ich bin gelaufen, gelaufen, hingefallen, wieder aufgestanden, umgeworfen, wieder aufgesammelt, bis ich da angekommen bin, wo mein Ziel anfängt. Angst und Zweifel, Kräfte versagen und Müdigkeit. Aber immer dahinter das Gefühl, ich muß noch etwas Großes zusammenbringen, daß verläßt mich nie.
Allmählich kommt eine neue Zuversicht in mich hinein und dabei ein solches Genügen an meinem Leben, als ob das Pfund, mit dem ich wuchern könnte, doch noch da ist. Manchmal meinte ich, es wäre zu viel schon abgesplittert. Danken wir einstweilen den Göttern, daß sie uns die Jugend gelassen haben. Das ist unermeßlich viel, und ich hab' sie noch. Wenn meine unruhige Seele einmal ruhig wird, so werde ich sie noch lange behalten, sonst möchte die Jugend rasch dahingehn. Und eine Liebe möcht ich jetzt, eine ganz jugendliche maigrüne, wie voriges Jahr. War das eine Zeit voll innerer Seligkeit, weit, weit über ihren Gegenstand hinaus. O Hallwig, Hallwig, wo bist du? Wann find' ich dich wieder?
Neulich träumte ich von ihm, er war mit Lisa zusammen, beide so schön und er so jung, so, wie in seinen besten Stunden.
Bubi las mir neulich vor: Gott schlug Ägyptenland mit Plagen: Heuschrecken, «Pestilzen» etc. Dachte daran, wie Willy mich oft mit Ägypten und seinen sieben Plagen verglich. Ach ja, die Pestilzen, aber das Wort ist tröstlich.
Gestern brachte ein Fischer einen fliegenden Fisch, ein berückendes Tier. Den ganzen Tag mit vieler Wollust an ihm gezeichnet. Abends in Bella Vista Wein getrunken. Habe alle Abende Fieber und dann mitunter plötzlich ein wütendes Verlangen nach Wein. Doch ich lerne Hiobsgeduld, bin ganz vergnügt. Die unseligen Zypressen noch einmal versucht und sie dann definitiv abgekratzt. Jetzt werden nur noch Fische gezeichnet.
Bübchen morgens im Bett ein Rätsel gemacht.
Auf dem ersten Feld wächst Schnee,
Auf dem zweiten Feld wächst Klee,
Auf dem dritten gibt es Mäh.
Auflösung: Auf dem ersten Gänseblümchen, die zweite Zeile ist nur des Reimes wegen da, und das dritte bedeutet Schafe.
Unsere gemeinsamen Freunde sind die vielen Katzen, die alle verschieden miauen, die eine Mauru, die zweite Miauau, die dritte Miauraurrr und die vierte englisch omau. Morgens im Bett miauen wir mit ihnen um die Wette. Mittags und abends kommt die eine dicke Schwarz-weiße ans Fenster, und wir füttern sie.
Fieber des Abends, Sakrament, bis neununddreißig Grad und matt. Sehe mich schon mit Typhus oder Gott weiß was im Krankenhaus und hätte Lust, gleich abzufahren, um hier nicht liegen zu bleiben.
Korfu ist unbedingt ein Unglücksort, will nicht mehr zu lange bleiben, lieber davon nach Rom. Es war eine zu böse Zeit, um sie schnell zu vergessen.
Solche Wolken wie hier sah ich noch nie, schwer und gewaltig und dann wieder soviel Anmut und leuchtende Farben. Über dem Meer waren sie ganz hellblaugrau und auf dem Wasser grüne Streifen, darüber am blauen Himmel riesenhafte Rosenwolken. Das Wetter ist frühlingshaft, manchmal ein ganz leiser stiller Regen, Knospen an den Bäumen. Auch wenn es tobt, sind es jetzt mehr Frühlingsstürme. Die Welt ohne Menschen ist überirdisch schön. Dieser Friede am Abend, wenn man aufs Meer und drüben die Stadt sieht, und die Leute heimziehen mit ihren Herden.
Fort, fort, Angst vor Krankheit. Fieber und innere Schmerzen. Jetzt regnet es unablässig in langen grauen Strömen.
Bubi will auch fort.
Meine Gelder nachgerechnet wenn Orlonsky mich im Stich läßt, und das ist sehr wahrscheinlich, dann sitzen wir nach zwei Monaten hier fest und ich verliere Rom. Und Rom muß ich auch noch haben!
Wenn ich an ihn denke, hab' ich manchmal solchen Groll. Warum hab' ich mir das aufgeladen, ihn mit durchzuschleppen und selbst dadurch alles mögliche Schöne einzubüßen? Und die große Liebe wenn ich sehe, daß jemand nur an sich denkt mich dabei aussaugt, ja wirklich aussaugt, mir ein fortwährender Hemmschuh ist.
Wäre er nicht gewesen, so hätte ich noch Geld genug, um den ganzen Sommer hierzubleiben. Lieber jetzt weg als in zwei Monaten, wenn alles schön ist. Wir haben uns entschlossen, auf alle diese Gründe hin in acht Tagen zu fahren.
Bubi fängt gerade an, sich mit den Kindern zu verstehn, mit seiner Maria sie ist so hübsch und anmutig und das Göttertier, das unschuldige gute, ganz verliebt, geht halb schüchtern und halb mit seiner koketten Lebhaftigkeit hinter ihr her und um sie herum. Sie spielt mit ihm und reagiert halb auf das Kind, halb auf dies Verliebte. Ach Gott, wie ist das schön.
Abends im Bett sprechen wir vom Alleinsein und von Maria.
Ach das Elend, daß wir nicht geblieben sind, wieviel haben wir darüber zusammen geweint und gejammert, wenn Bubi abends sein Hellaslied singt: «O Hellas, schönste Fluren» und dann unzählige Male «Kerkyra, Kerkyra Maria, meine schöne Liebe.» Wir malen uns aus, wenn wir zaubern könnten und morgen statt in Rom in Gasturi aufwachten. Man kann sich so hineinreden, daß man's selber fast für möglich hält.
Und warum bin ich eigentlich fort, so ganz contre coeur.
Rom, ich pfeife jetzt auf Rom. Aber ich wollte es durchaus haben. Und vor allen Dingen hatte ich die quälende Angst, dort schwerkrank zu werden, so weit weg und allein. Aus Ironie geht's mir natürlich hier viel besser.
Doch nun der Reihe nach.
Nicht genug Geld und kein Arzt. Bubis Abschiedsfest mit den Kindern, unser letztes Futter mit den Katzen in der Küche, die ruhsamen letzten Spaziergänge und die letzten Tage plötzliches Frühlingswetter von allen Seiten in unsere feuchte Winterstube hinein. Wirklich der letzte Tag, Angolica mit Resten, alten Kleidern und Küchengeschirr überhäuft. Geschenke für die kleinen Mädchen, ein Riesentuch mit Orangen und Zitronen als Regalo von Starro und Frau. Monsieur Mouton mit seinem Matin. Der Abschied, wo Maria und Bubi laut weinten und wir Großen zuletzt mit anfingen, Abfahrt mit der Carotsa, ganz Gasturi winkte und rief, alle unsere alten Hexen mit ihren Ziegen und Schafen. Auf dem English beerhouse noch ein Kaffee mit Dr. Kapso Kavadhes, den Abend bei Dobay, der dicke Paul mit Zylinder und Opernglas, der mich ins Theater schleppen wollte, der verliebte Athener, der mit mir bummeln und auf morgen noch zwanzig Rendez-vous ausmachen wollte. Aber ich konnte mich zu nichts entschließen und blieb beim Bübchen. Wir heulten umschlungen. Am nächsten Morgen noch Paul im Kasino besucht, nach Canone gefahren und herübergeschaut nach Gasturi. Nachmittags bei Kunibert Kosalewski, seine Kinematographenpläne, die Abendstunde an Bord, Bubi kauft sich noch Stöckchen und Rosenkränze, Kunibert und ich bauen Luftschlösser, und dann geht's dahin. Nachts in der Kabine mit Bubi über den großen Plan gesprochen, beide in Ekstase. Wir müssen hierher zurück, sobald als möglich.
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