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Tagebücher 1897-1910

  1. Epoche: Erwartung
  2. Epoche: Die Mutter
  3. Epoche: Reise nach Kleinasien
  4. Epoche: Der Roman
  5. Epoche: Kreuz und quer
  6. Epoche: Das Eckhaus
  7. Epoche: Die Schwester
  8. Epoche: Das Zeitalter der Päule
  9. Epoche: Der wirtschaftliche Bankrott
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Neunte Epoche

Der wirtschaftliche Bankrott

Gestalten:

Bubi

Der große Rolf

Hallwig

Monsieur

Henry

Coeurbub

Herbert

Günther

Baschl

Lisa

Schnotzing

Jaffé

Baronin Godin — eine vornehme alte Dame

Lotte Pritzel — eine Künstlerin

Das Rapperl — ein schwarzes Mädchen

Bruno Frank

Wohlert — Bibliothekar auf Reisen

Holm — Verlagsdirektor

August [1909]

20. Juli Willy fort. Hinrich Wohlert aus Lübeck, vom 1.–8. August mit ihm im Gebirge. Schöne, ruhige Zeit mit diesem klaren, guten Menschen, der da auf einmal nach achtzehn Jahren wie ein lang-jähriger Freund ankommt, der einen immer gekannt hat. 11.–18. August. Eine Woche so voller Freude, alles so plötzlich, glühend, zusammengedrängt, ich weiß vor übermächtiger Seligkeit nicht mehr, wo ich bin. War das schön. Mir ist ganz verbrannt und versengt und dabei so weich vor Glück. Am ersten Abend mit Günther und Henry schon so unmotiviert freudig gestimmt, als ob ich wüßte, was kommen müßte. Den Abend im Englischen Garten unter Sternen im Gras und die glühenden Sommernächte bei Günther, der Heimweg durch den schönen Morgen, und daheim geschlafen, geschlafen. Abends wieder zu ihm. Dann der etwas traurige und verschlafene Abschied. Nun ist er fort und ich fort, aber ich gehe noch ganz heiß und glücklich herum, mit so viel Sehnsucht, daß es sehr süß ist.

20. August [1909]

Nach Winkl abgefahren. Abends vorher Lisa mit Bruno Frank wieder aufgetaucht, auch Henry wieder in München, aber mich mochte nichts mehr halten, nur fort, nur fort. In wirklich glückseliger Stimmung abgefahren. In Übersee zum erstenmal seit drei Jahren auf mein Rad gestiegen. Etwas Bangen, ob der Verwalter Schwierigkeiten machen würde, aber nein, alles ging glatt. In unserm Zimmer lag noch ein Ball von damals, überall meine Malflaschen, in Onskys Zimmer die Lampe am Bett und die polnischen Zeitungen, das zog einem etwas das Herz zusammen.

Wir gingen gleich weiter nach Grabenstätt und nachmittags nach Hagenau, wo man uns mit stürmischem Jubel empfing und gleich mit zum Haberaufladen nahm. Dann kam der Professor mit dem Bild herunter und zeigte es mir.

21. August [1909]

Abends in Grabenstätt geschlafen, frühmorgens hierher und eingerichtet.

23. August [1909]

Das erwartete Geld. Ein Stein nach dem andern fällt vom Herzen. Ich bin so glücklich wie lange nicht und merkwürdig gesund. Die letzten Wochen waren wie ein einziger Traum voll schöner Dinge, direkt von der glückseligen Übernächtigkeit der letzten Münchner Zeit hier in den Sommer hinein und das geliebte alte Winkl. Es fehlt nur eins, damit ich nicht übermütig werde — ein Brief, irgendein Zeichen von ihm. Ich möchte wissen, daß er auch an mich denkt und mir eine Zeitlang bleibt. Oder sollte es sich so gehören, daß ich jedesmal nach Winkl ein wundervolles, plötzlich abgerissenes Erlebnis mitbringe? Diesmal hab' ich wohl kaum Grund, das anzunehmen, aber ich möchte den Haufen von Glückseligkeit vollkommen haben. — Franziska, du wirst wohl nie vernünftig werden. Mittwoch den ersehnten Brief bekommen, den ganzen Tag mit Bubi auf dem See und sehr froh. Ein paar Stunden auf einer Landhalbinsel in der Sonne gelegen und gespielt, mir dabei die junge Haut verbrannt. Bei fürchterlicher Hitze nach Chieming herüber und von dort aus nach Hagenau zurück, im ganzen fünf Stunden gerudert. Bei den Hagenauern Kartoffeln und Buttermilch gefuttert, mein Kind, ich glaube, du bist wieder gesund.

Donnerstag nach Traunstein per Rad. Nachmittags etwas müde, noch nach Grabenstätt gegangen.

Samstag, 28. August [1909]

Endlich das Datum wieder erwischt. Viel an mein Liebes gedacht. Ach, ich wollte, daß es etwas Schönes, Dauerndes wird, ich bin so ausgehungert nach einem Menschen, der mich lieb hat.

Dienstag, 31. August [1909]

Brief von Günther, daß er wieder in München. Liebe, warme Worte, eine große Freude. Am liebsten gleich hingefahren, aber heut' zu elend und morgen Bubigeburtstag, so ging's nicht. — Grabenstätt und den Geburtstagskuchen vom Bäcker geholt, den Bubi in ein buntes Tuch eingeknotet heimträgt.

1. September [1909]

Mein Zwölfjähriges gefeiert. Bescherung nach altem Winkler Brauch in der Kapelle, Eskimo-Bogen, Bumerang, Malkasten. Dann ich auf den Polstern gelegen und ihm vorgelesen und er gemalt. Draußen gießt's in Strömen. Gegen vier in den Wald, auf der Wiese Bumerang und Bogen probiert.

2. September [1909]

Heftiges Verlangen nach Bewegung. Die Räder hergenommen und nach Seebruck gefahren. Schön, aber lahm zurückgekommen.

3. September [1909]

Bei herrlichem Wetter nach Grassau. Das Boot ausgeschöpft und repariert. Die Mutter in Hagenau: «Gräfin, du wirst alle Jahr' schener.» —

Sonntag, 5. September [1909]

Wollten zur Fraueninsel fahren, aber wieder Regen, ach verdammt. Statt dessen in Oberwinkl am Froschteich gehockt und Prospekt gemacht. Nachmittags Brief von Coeurbub, was immer eine Freude ist.

10. September [1909]

Bücherpaket von Wohlert, nach Feldwies, um Zwetschen zu holen, aber noch keine reif. Unterwegs ein weißes Häuschen, alle Fenster voll roter Geranien und einem Wald von Sonnenblumen. So schön war's, daß wir abstiegen und der Frau vorm Haus Komplimente machten, wofür sie uns mit Sonnenblumen beschenkt.

11. September [1909]

Radtour um den See herum. Mittags in Prien, dann bei gewaltiger Hitze in Seebruck, wo wir halbtot ankamen. Unterwegs mein armes Bübchen mit dem Rad gestürzt, sich die Knie aufgeschlagen.

13. September [1909]

Wollten auf den Hochfelln, Wetter zweifelhaft. Große Faulheit, zu Haus geblieben und Briefe geschrieben. Abends Sprung nach Grabenstätt. Alles trieft vor Regen und funkelt in der Sonne.

14. September [1909]

Früh in den «Zauberwald». — Bubi, als ich ihm bei einem Zank das Wort abschneiden will: «Du darfst mich nicht ungehört verdammen!»

15. September [1909]

Regen. In einem heroischen Anfall Übersetzung angefangen.

18. September [1909]

Um fünf auf, mit Rad nach Bergen gefahren. Ganz dichter Nebel und Tausende von beperlten Spinnennetzen im Gras. In Bergen die Räder eingestellt und auf den Hochfelln. Anfangs noch im Nebel, nach obenhin wurde es dann immer heller. Bubi ganz Seligkeit, umarmte mich und sagte immer: «Ach Mamai, wie wunderschön.» Ich schenkte ihm alles, was wir sahen, einen Bach mit Felssteinen, einen Salamander, Almwiesen etc. Wir frühstücken auf einem Felsblock im Bach. Neue Jubelschreie, als wir aus dem Tannenwald auf die erste Almwiese herauskamen. Da lagen zwei Hütten, und zwei weiße Katzen spielten zusammen. Eine Einzäumung mit Kälbern, die lange gekost wurden, weiter oben Schafe am Felsen und eine Kuh, die uns zögernd vorbeiließ. Zuletzt ziemlich steil hinauf, und mein gutes Herzkind meinte, da könnte man schon etwas schwindlig werden. Schöner Ausblick auf die Bergspitzen, die Täler waren alle voller Wolken. Oben gegessen und ausgeruht. Der betrunkne Mönch, der viele und gute Witze macht. Um zwei Uhr Abstieg. Alles weiß vor Nebel, man konnte immer nur zwanzig Schritt vor sich sehn.

Die Schafherde kreuzte unsern Weg, und ein großer schwarzer Hammel machte Miene, uns von hinten zu attackieren. Bubi einigermaßen in Schrecken, klammert sich recht fest an mich an. Neckte ihn ein bißchen, und dann lacht er so entzückend verlegen. Weiter unten Enzian gesucht, den ich Günther schicken wollte. Von den Almen sah man bei dem Nebel gar nichts mehr. Dann fing es an, kräftig zu regnen, wir gingen langsam, ruhten bei den Blockhütten noch ein paarmal aus und kamen erst um fünf in Bergen an. Aus der Höllenschenke, wie wir erst statt Hüttenschenke lasen, brach mit bacchantischem Geheul und geschwungenem Bergstock der betrunkene Mönch mit seinem Begleiter heraus und forderte uns auf, auch mit hereinzukommen. Wir neckten uns noch eine Weile, bevor wir ihm folgten. Mein armes Tierle war ganz müde und fror. Bei strömendem Regen machten wir uns dann weiter auf den Weg, ließen noch bei einem bleichen Schmied Bubis Rad richten und rasten heim, durch Pfützen, Regen und Sturm. Um Bubi aufzumuntern, erfand ich, daß wir Hexen wären, die zum Blocksberg ritten, und so sausten wir unter furchtbarem Geschrei dahin. Ein Bauer blieb wie versteinert am Weg stehn und glotzte uns nach. — Zu Hause fand ich einen Brief vom Coeurbub als Extrafreude.

19. September [1909]

Beide etwas lahm, nachmittags gesegelt, aber es war stürmisch, und ich traue mich nicht weit hinaus. Manchmal bekomme ich plötzlich eine wahnsinnige Angst vor Wasser.

Montag, 20. September [1909]

Bubi liegt elend mit Halsentzündung. Mein Armes. Ein Wunder war's nicht nach der Heimfahrt am Sonntag.

21. September [1909]

Heute der große Tag, wo ich nach München fahren wollte, um Günther wiederzusehn. Mir ist's ein bissel schmerzlich, daß es nun nicht geht. Abends Telegramm von Günther. — Ach Gott, daß ich nicht kommen kann! —

24. September [1909]

Bubi besser, meine Augen stark entzündet. Nachmittags nach Grabenstätt mit Bubi, der sein Kätzchen im Arm trägt.

25. September [1909]

Regentag. Lossauer Moor, kamen aber nicht durch.

Sonntag, 26. September [1909]

Nach Chieming. Beim Unterwirt gesessen. Wollte nach Pfaffing, aber plötzlich Mordsgewitter. In Hagenau abgewartet. Eine Masse Leute in der Stube, die auch des Wetters wegen warteten, draußen alles dunkel und ein Blitz nach dem andern.

Montag, 27. September [1909]

Bei strömendem Regen morgens nach Übersee, um Gué abzuholen. Zu Hause Feuer gemacht und uns getrocknet. Mittags in Grabenstätt, Gué wieder fort, ich schweres Kopfweh, ganzen Nachmittag im Halbdunkel dagelegen. Warmes Zimmer, draußen prasselt der Regen, an morgen gedacht.

28. September [1909]

Meine Sachen für die Stadtfahrt mit solcher Freude gerichtet. War das eine lange Zeit seit den schönen, schönen Sommernächten,. und ich hab' soviel Sehnsucht gehabt. Fuhr glückselig in den Abend hinein nach München, dachte, ob er mich wohl abholt? Da stand er wirklich am Bahnhof, wir fuhren zusammen durch den hellen Herbstabend, und alles war so schön.

Ich bin viel zu glücklich, mir schwindelt beinah — nach dem schlimmen Jahr mit all den öden und quälenden Erlebnissen. Wieder bin ich ganz, ganz jung und sentimental und so leicht und froh, als ob nie etwas Schweres gewesen wäre. Franziska, du hast eine glückliche Natur! —

Der Abend und die Nacht, um halb vier hab' ich aus dem Fenster gesehn, ganz dichter Nebel, und man hörte Autos vorbeifahren. Dann das Aufstehn und Einpacken in Eile, alles kam mir golden und hell vor. Ich lief voran hinunter ein Auto holen — es war derselbe Chauffeur, der uns gestern gefahren hatte, er grinste, das freute mich auch. Zusammen zum Bahnhof, jeder in seinen Zug. Aber dann dachte der liebe Gott, nun ist's genug und spielte mir noch einen miserablen Streich. Als ich eine halbe Stunde gefahren bin, kommt der Schaffner und teilt mir mit, daß ich in den Zug nach Lindau gestiegen bin. Da sitz' ich nun und muß bis Buchloe fahren und war erst ganz traurig. Es sollte ein so schöner Tag werden, um zehn Uhr in Übersee mit Bubi Boot fahren und an die Nacht denken. — Also um halb zehn in Buchloe, nach München zurück, um zwölf dort, rasch eine Tasse Kaffee heruntergestürzt und in den Zug nach Übersee, der um zwei dort sein soll. Aber wehe, es stimmt nicht. In Rosenheim in den Schnellzug eingestiegen, der nicht in Übersee hält. Fahre also nach Prien, nach Stock. Kriege glücklich einen alten Schiffsmann mit Boot nach Feldwies. Ich die ganze Tour heftig mitgerudert, damit's schneller ging, aber doch zwei Stunden gebraucht. Mit dem Alten lebhaft unterhalten, über König Ludwig und sämtliche Fürstlichkeiten, mit denen allen er auf du und du zu sein schien, über Eulenburg und Homosexualität, über den Nordpol etc. Bei der Fahrt wurde man wieder ganz vergnügt. Mir war vorher doch die gute Laune etwas ausgeglitten, weil ich immer an Bubi dachte, wie er mich erwartet. Um viertel sechs glücklich in Feldwies, halb verhungert, mit dem Alten noch ein Abschiedstrunk, es war eine dicke Freundschaft geworden. Dann im Galopp auf Winkl zu und wirklich in dreiviertel Stunden hingerannt. Oben Licht und ein fröhliches Geschrei: «Mamai!» Großes Erzählen aller Abenteuer und viel Zärtlichkeit. Man merkte es dem Tierle an, daß es sich einsam gefühlt hatte. Ich war wieder so glücklich, überglücklich und so reich mit allem, was ich lieb habe. Aber ein komischer Tag war's. Sieben Stunden Eisenbahn, zwei Stunden Boot, eine gerannt, macht zehn Stunden Irrfahrt, um nach Übersee zu kommen — kam mir beinah wie Odysseus vor.

30. September [1909]

Letzter Winkltag! Wehmütig und doch freu' ich mich so auf München. Selbst Geldgedanken fechten mich jetzt nicht an. Morgens Grabenstätt. Abschied bei der Waschfrau mit Limonade gefeiert. Hagenau, mit der Mutter Strohbandeln gedreht, im Stroh gesessen und Kaffee getrunken. Mit den Kindern an den See, um das Stroh hinunterzubringen. Eine ganz wilde Expedition durch Moor und Wasser, barfuß und unter vielem Gelächter. Die Leute ringsherum hören alle mit Mähen auf und starren und starren, wie die «Frau Gräfin» wie ein Storch durchs Wasser stieg.

Nachher großes Abschiednehmen, und der alte Professor sagte: «Mi siegst nimmer, wennst wieder kimmst» — und die andern all, es wollte gar kein Ende nehmen. — Jetzt sitzen wir daheim beim brennenden Öfchen — morgen wird das Zimmer leer und dunkel sein. Nichts Trübes in dieser wundervollen Zeit, seit ich aus den heißen Liebestagen in das liebe sommerliche alte Winkl fuhr, ein froher Tag nach dem andern. Da muß man dem Leben wieder gut sein.

1. Oktober [1909]

Große Büschel Enzian mitgenommen, gepackt, Abschied genommen und fort. Zum Verwalter auf die Wiesen hinaus, ihm Adieu gesagt, dann mit Rad nach Feldwies, dort am See gesessen, und das Mädel erzählt mir die Geschichte von den ertrunkenen Malerinnen. Um sechs Uhr in München.

2. Oktober [1909]

Es fängt gut an. Heute früh Hausbesitzer Glaufliege und Hausmeister vereint angetobt, um mir zu kündigen. — Nachmittags Oktoberwiese, sehr vergnügt gewesen. — Zur Frieda Strindberg.

3. Oktober [1909]

Wollte mit Bubi in die Japanerausstellung, hab's aber verbummelt. Leider. Reut mich, daß ich nicht noch einmal mit ihm auf die Wiese gegangen. Mittags Leopold, Bubi nach Ludwigshöh', ich zum Baschl und Strindberg.

5. Oktober [1909]

Abends Günther. Mich erst so gefreut, aber er war müde und verstimmt, ging früh, und ich blieb recht traurig zurück. Damals die Sommerfreude, und wie schaut's jetzt alles aus.

Ich sehne mich so nach Günther, daß er mir ein wirklicher Freund würde. Es könnte so schön sein.

7. Oktober [1909]

Früh Wohnung angeschaut. Eine, die mir sehr zusagt. Dann fällt mir ein, daß ich ja eigentlich gar nicht riskieren kann, eine zu nehmen. Für den Moment ist es ganz unmöglich, und bis Januar kann ich definitiv verkracht sein. Zu Hause angekommen, Rechnung vom Zahnarzt und Mahnung. 766 M. Ich täte wirklich am besten, mich aufzuhängen.

11., 12. Oktober [1909]

Gearbeitet, Wohnung gesucht, abends Günther abgeholt, Leopold. Später zu mir. Geheult, mir war so wund und unglücklich zumut, manchmal fällt mich doch das ganze Elend meiner Existenz an, besonders der letzten Jahre. Dann war er aber sehr lieb, und ich wurde ganz froh.

Sonntag, 16. Oktober [1909]

Mit Bubi in die Hundeausstellung, sehr vergnügt, nur etwas verjammert von gestern. — Hofmann. — Bubi mittags, als er ein Ei aufschlagen soll: «Mamai, ich hab' jetzt manchmal solche Zwangsvorstellungen, ich denke z. B. ich müßte das Ei an die Wand werfen.» — Wie gut erinnere ich mich an solche Sachen aus meiner eigenen Kinderzeit.

17. Oktober [1909]

Günther im Leopold getroffen. Nachher zusammen die Noriswohnung angeschaut und dann auf die Dult. Bücher gekauft, die in einen Sack gesteckt und mitgeschleift wurden. Bei Farina gegessen, am Nebentisch Tole Kurz. — Man kann mit Günther so vergnügt sein und lachen, das macht so glücklich. Du Liebes — ich bin so froh über ihn.

Acht Tage traurig, weil er nicht kam, Gott so traurig. Dachte, nun ist vielleicht alles wieder zu Ende, die große Freude — und ich kann nicht allein sein, kann nicht.

Wieder ein schöner Abend. —

Wieder eine Zeitlang traurig. —

Und wieder ein so schöner Abend.

Zwischendurch einen furchtbaren Haufen von Gläsern und Möbeln anzustreichen.

Freitag, den 18. November [1909]

Erster Schnee, Günther kam mit einem Weihnachtszweig und erzählte mir, daß er die Nacht durch jemand aus meinem Buch vorgelesen hätte, und ich fühlte, daß er mich lieb hatte, sehr.

Immer ist mein Herz das gleiche, wenn es für jemand schlagen kann, wenn ich nur lieben kann. Wieder bin ich zwanzig Jahre. Wenn nur jemand begriffe, was das jetzt für mich ist, nach diesen Jahren. Zum erstenmal hatte ich eigentlich richtig genug vom Leben und sehnte mich manchmal danach, tot zu sein. Jetzt lacht alles, und ich bin unsagbar glücklich.

Sonntag, 21. November [1909]

Gläser malen, die Kinder toben um mich herum, und bei aller Nervosität ist mir leicht ums Herz. Ein richtiger Winternachmittag mit Schnee, wir sitzen glücklich im Halbdunkel. Essen im Leopold, heim durch den Schnee. Konnte nicht schlafen vor lauter Glück.

Montag, 22. November [1909]

«Guten Morgen», — ich sage mir guten Tag, als ob ich mich lange nicht gesehen hätte. Man muß mir wohl das Glück ansehn, ich bekomme dieser Tage fortwährend zu hören, wie gut ich aussehe und «begehrende Blicke» auf der Straße.

Die neue Wohnung. Gestern abend beschlossen, daß wir doch keinen Zimmerherrn nehmen. —

25. November [1909]

Froh und still in der Diwanecke gedämmert. Abends Günther. Wir freuen uns beide auf die neue Wohnung und unser schönes Leben.

Freitag, 26. November [1909]

Wieder ein fürchterlicher Husten, Lunge tut so weh. Mir ist es egal. Das Leben ist so schön, beinah möcht' ich sterben, damit nichts Trauriges mehr kommen kann. Liegen geblieben, Bubi macht mir Tee. Als ich dann aufstand, sah ich, daß er sein kleines Schulfutter vergessen hatte.

Den Morgen herumgedämmert, plötzlich wach ich auf und Günther steht in der Tür. —

Am Sonntag mit Günther zum Hallwig-Vortrag. Teestube mit Günther. Unser letzter Helmtrudenabend.

Dienstag, 30. November [1909]

Bubi trollt zur Schule, die Umzugsmänner, mittags drüben in der neuen Wohnung. Günther und Eva Huch.

Wir freuen uns an der neuen Wohnung und der roten Jubeltapete. Erste Woche vergeht mit Einrichten, die zweite mit Gläsern. Prospekt ist verschickt, einziges Resultat ein Auftrag durch Mohr. Abends bei der Baronin Godin, im Schnee durch den Englischen Garten zurück.

19. Dezember [1909]

Im Weihnachtsoratorium mit Günther. Seine Begrüßung mit der Hildebrandin — zurückgesetztes Gefühl. Odeonsbar, dabei spätes Gespräch. Weiß manchmal nicht, wie ich manches bei ihm verstehen soll. Der Schluß des Gesprächs dementierte es eigentlich wieder.

21. Dezember [1909]

Im Apollo und der Osteria. Apollo, die Stätte meiner Jugend, war einigermaßen verödet, in der Osteria Falkenberg und im Hintergrund Artaval, der «in schimmernder Rüstung nach dem heiligen Lande pilgern wollte.»

23. Dezember [1909]

Mit Bubi auf dem Kripperlmarkt. Abends den Baum zusammen geschmückt.

24. Dezember [1909]

Stadt. Eilige Besorgungen. Günther. Ausgeruht. Zu den alten Lenbachs. Im Auto zurück. Geldtelegramm von Fädchen vorgefunden. Bubi kostümiert sich und singt hinter der Tür, bis ich angesteckt hab'. Große Freude. Großes Souper. Um halb elf kam Günther. So schön war der Weihnachtsabend seit vielen Jahren nicht mehr. Ich bin glücklich.

25. Dezember [1909]

Bubi tanzt im Hemd in der Morgensonne um den Weihnachtsbaum. Günther einen Moment. Zur Post, um nach Winkl zu telegraphieren.

26. Dezember [1909]

Früh nach Winkl. Mittags angekommen. Ein Schreck, der alte Verwalter ist fort, der neue empfängt uns vor der Tür. Alles etwas verändert und fremd. Unbehagen. Mittags nach Grabenstätt und Hagenau. Dort das übliche Freudengeheul. Nur der alte Professor kennt uns kaum mehr. Im Mondschein heim. Die Oxerin hat geheizt, Kaffee gewärmt, alles schön gemacht.

27. Dezember [1909]

In Grabenstätt und Grassau, durchgeregnet und furchtbar erkältet.

28. Dezember [1909]

Ganz gebrochen, Gliederschmerzen, beschlossen, morgen heimzufahren. Leid ist mir's doch.

31. Dezember [1909]

Gestern angekommen und gleich zu Bett. Heute nachmittag Günther in der Stadt getroffen, abends zu Haus. Günther mußte zu Hildebrands und kam erst gegen halb drei zu Haas. Stumpfsinniger Abend, fühlte mich elend und ärgerte mich, daß ich nicht bei Bubi geblieben, anstatt mich zu mopsen und morgen einen Kater zu haben.

1. Januar 1910

Natürlich verkatert und verstimmt. Muß denn jeder Neujahrsmorgen mit Katerstimmung beginnen, d. h. eigentlich nur heute und im vorigen Jahr.

2. Januar [1910]

Schlechte Laune. Hätte ich Geld, so wüßte ich sie schon zu vertreiben und mit Bubi etwas Nettes zu tun. So sitz' ich herum, nachmittags mit Bubi im Kintopp.

Günther wieder versprochen, daß er abends käme, kam aber nicht. Mir einen energischen Ruck in bezug auf meine Sentimentalität gegeben. Sitzen und auf jemand warten, gibt's bei mir nicht. Von jetzt an soll es mir ganz gleich sein.

Vormittags der Umzugsleutnant aus Afrika.

3. Januar [1910], Montag

Nachmittags Günther. Aussprache im Dämmern. Wieder alles gut, aber die zwei Tage haben mich doch gleichgültiger gemacht. Dann meinetwegen wieder mit Bubi allein und abenteuern. Zum Tee zu den Leutnants. Abends zur Bahn, Ernst abholen, mit ihm gegessen und durch die Stadt gegangen.

4. Januar [1910]

Nachmittags mit Bubi ins Hotel, um Ernst guten Tag zu sagen. Verfehlten ihn, und Rolf war traurig. Abends zu Ernsts Vortrag, dann mit dessen Gesellschaft im Parkhotel.

6. Januar [1910]

Mit den Leutnants im Gärtnertheater und Bar.

8. Januar [1910]

Mit Günther, Ebbinghaus etc. Odeonsbar und Café Odeon. Dort Henry getroffen.

9. Januar [1910]

Kaum zu Bett, klingelt's. Henry. Bis zwölf Uhr.

11. Januar [1910]

Gauklerball. Morgentee.

12. Januar [1910]

Abends Günther.

13. Januar [1910]

Zweites Gauklerfest.

14. Januar [1910]

Hab' in der letzten Zeit immer nur die Abendtaten aufgeschrieben. Es passiert auch sonst nichts, und ich bin faul, namenlos faul und sehr vergnügt.

15. Januar [1910], Samstag

Stadtbummel. Endlich einmal ausgeschlafen.

16. Januar [1910], Sonntag

Mit Günther und Haas, Souper bei mir. Wieder sehr glücklich.

17. Januar [1910]

Froh aufgewacht, zu Holm, Übersetzung und 100 M. Gott sei Dank, wie ist mir wohl. Ich komme noch um vor guter Laune.

18. Januar [1910]

Wohlig gefaulenzt, will aber anfangen zu arbeiten.

19. Januar [1910]

Wieder nichts getan. Mit Bubi Stadt und großes Vergnügen. Eigentlich ist alles Vergnügen.

20. Januar [1910]

Früh der Briefkasten voller Blumen. Bubi legt sie mir aufs Bett. Ach, wie schön.

27. Januar [1910]

Zweiter Werdenfelserball — etwas fad. Katernachmittag, mit Günther Ratskeller. Das war viel schöner.

28. Januar bis 2. Februar [1910]

Übersetzung und Eis gelaufen.

3. Februar [1910]

Bal paré mit Godius. War sehr vergnügt, fühlte mich etwas zurückgesetzt, aber doch nette Leute gefunden. Mitternachts suchte mich Günther, um mit mir etwas gemütlich zusammenzusitzen, da muß der große Rolf dazu kommen. Günther verstimmt. Freute mich eigentlich doch, daß es ihn verstimmte.

4., 5., 6. Februar [1910]

Übersetzung.

6. Februar [1910]

Faschingssonntag. Bubi maskiert sich gleich in der Früh als Chinese, turnt zu Egloffsteins und zum Odeonsball. Was für ein Vergnügen, so ein Tierchen herauszustaffieren, und der Ernst, mit dem er's nimmt. Ich war den ganzen Tag allein an der Arbeit, draußen schneit es etwas. Es war schön und friedlich, und ich freute mich auf morgen. Um zehn Uhr abends fertig und todmüde. Eine Stunde geschlafen. Dann klingelt Günther, ich wieder aufgestanden. Das lieb ich sehr, nur war ich beinah tot vor Schlaf.

Montag allein bal paré und hernach mit dem stummen Schwager im Luitpold. Wenig gesprochen, aber es war hübsch. Fünf Uhr heim. Dienstag bis zehn geschlafen. Dann kam Günther. In die Morgensonne hinein aufgewacht. Mit besinnungsloser Geschwindigkeit aufgestanden, um ihn in der Stadt zu treffen. Zusammen Weste und Krawatte eingekauft. Mit Bubi ins Heck, Lang getroffen, mit ihm zum Faschingszug. Kaufen uns ein paar blöde Masken und setzen sie zu unserm Zivil auf, was uns viel Beifall eintrug. Bubi steigt auf den Simplizissimuswagen, wir später mit Rinaldo, Coeurbub, Lotte Pritzel usw. nach.

Um sechs tot nach Hause, umgezogen, etwas hingelegt und dann ins Luitpold. Unterwegs Bekanntschaft mit Emil. Lustiger Abend. Zum Schluß noch großes Gehopse mit drei Ausländern.

9. Februar [1910]. Aschermittwoch

In hellem Sonnenschein aufgewacht. Nachmittags «Herr Herr». Er redete drei Stunden. Armer Mensch. Aber was soll ich mit ihm anfangen. Abends holt mich Günther zum Katern ins friedliche Leopold ab.

Nun wieder Gläser, Gläser, Gläser. Hier und da ein schöner Abend mit Günther und mit Bubi Rollschuhlaufen.

27. Februar [1910]

Konstatiert, daß das Leben mir seit letztem Herbst recht wohl will. Vorige Woche Lisa und Bruno Frank, sehr nette Tage. Lisa finanziert mich.

Beide fort. Sie fehlten mir zuerst sehr. Jetzt Fleiß, Freude auf den Frühling. Abends mit Bubi rollen.

28. Februar [1910]

Gestern Sonntag, Platte für Merkl gemalt. Nachmittags Coeurbub und Lotte Pritzel. Freute mich den ganzen Tag auf den Abend mit Günther, kam dann aber in aller Eile, um zu sagen, daß er nicht könnte, heut nicht und morgen nicht.

Nachts Hitze, Beklemmung und Blut gespuckt, lag da und dachte, wenn ich nun abfahren müßte, und mir war so allein. Ganzen nächsten Tag über den Gläsern und so von Herzen kaputt.

1. März [1910]

Taumelnd vor Müdigkeit aufgestanden, so zumut, als ob ich jeden Moment umfallen könnte. Dann kommt gegen zehn Günther. Das hat mich sonst immer so gefreut — heute — ach, ein ganz trostloser, trüber Tag.

2. März [1910]

Mich wieder etwas zusammengerissen, so kann ich's einfach nicht aushalten. Wie närrisch gearbeitet.

3. März [1910]

Nachmittags mit den Kindern zur Brennerei, gegen Abend Günther. Jetzt ist es wieder gut, traurig wohl und etwas anders, wie ich's möchte. Aber ich hab' zum erstenmal seine wirkliche Seele gefühlt, und die Traurigkeit war mir förmlich lieb.

4. März [1910]

Mit einem ganz dummen Glas bis halb drei mittags geplagt und aus Müdigkeit immer alles wieder verpatzt.

Samstag, 5. März [1910]

Schon wieder die ganze schwere, trübe Stimmung. Den ganzen Tag sitz' ich vor meinen Gläsern und rede in Gedanken mit Günther, laufe dann wieder in einer ganz schrecklichen Nervosität herum.

6. März [1910]

Ganz verträgliche Frühstimmung — Bubi trödelt aber so, ich werde ärgerlich, und schon ist die ganze Verzweiflung wieder da. Niedergedrückt in den Frühlingsmorgen hineingegangen. Günther begleitet uns ein Stück. Jedes Wort fiel mir schwer.

Mit Bubi allein den Enten zugeschaut — ich möchte da hinunter ins Wasser. Rene, daß ich nicht wenigstens für Bubi ein fröhliches Herz hab'. Mittags kam Baron Spruner, mit ihm essen gegangen, der langweilige Peter brachte mich doch allmählich in normalere Stimmung. Später bei offenem Fenster und Sonnenschein auf dem Diwan gelegen, Günther, und wieder tränenschwere Glückseligkeit. Ich bin, weiß Gott, ganz anders geworden, könnte für einen Menschen alles tun und hingeben, um ihn nur nahe zu haben. Früher wollte ich alles haben und nichts hergeben, dann gleich wieder alles lassen und meinen Weg nach etwas Neuem laufen. Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein.

— Und heute früh der Brief von Jaffé, ob ich mit ihm nach Korfu fahren will —

Nach Korfu — was könnte das für mich sein, ein Traum, wenn es mit Bubi wäre. Ohne ihn nie im Leben, immer würde ich das süße Kindergesicht sehn, wie es damals beim Abschied neben seiner Maria stand und weinte.

Eine andre Reise, anderswohin, meinetwegen allein, mit einem sympathischen Menschen, ja — aber mit dem — Gott soll mich behüten. Das war wieder so eine ironische Bosheit vom lieben Gott. —

Sonntag [6. März 1910]

Bubi geht zu seinem Etzold. Ich esse allein, mache die Gläser fertig, freu' mich unendlich auf den Abend. Noch eine kurze und schöne Abendstunde. Gott sei Dank, der Sturm ist in mir vorbei, eine große Liebe und Stille.

Montag, 7. März [1910]

Abends Gespräch mit Bubi. Richard und Leni hätten ihm gesagt, man müßte einen Mann lieben, um Kinder zu bekommen, «weißt du, wie etwas gesäet wird. — Das ist so ein Aberglaube im Volk. Soll ich nun den Richard darüber aufklären, daß die Kinder sich von selbst in der Mutter entwickeln?» Ich: «Warum fragt er seine Eltern nicht?» — «Ja, seine Mutter geniert sich, über so etwas mit ihm zu sprechen, und sein Vater weiß nichts davon.» —

Leni sagt auch, man müßte irgend was miteinander tun, «um Kinder zu kriegen.» — Dann hat ihm Leni von einem Mädchen erzählt, das jeden Tag mit einem andern Buben herumliefe. Ich versuche ihm zu erklären, daß es Menschen gibt, die selten und andauernd lieben, und andere, die's oft tun, zitier' mich als Beispiel.

«Ja, Mamai,» sagt die zwölfjährige Weisheit, «ich weiß schon, daß du so bist, aber ich glaube, ich bin darin ganz anders. — Aber ich weiß nicht, wie ich es einem Mädchen sagen soll, daß ich es lieb' habe, ich glaube, ich würde mich genieren.»

Das war abends im Bett, und ich war drauf und dran, ihm alles auseinanderzusetzen. Dann fiel mir aber aufs Herz, nun würden all die unvermeidlichen Nebenfragen kommen und ob er das schon verstehen könnte.

Hab' mit Günther darüber gesprochen, der es doch auch richtiger findet, ihm jetzt alles mit einemmal zu sagen.

9. März [1910]

Angefangen, Gläser für Merkl zu machen, mit Günther aus. Spaziergang mit Bubi und Herr im Englischen Garten. Spät mit Sendt und Lola im Simpl, Auftrag von Kathi auf dreißig Möpse.

12. März [1910]

Mit Bubi im Wilhelm Tell. Arbeit. Günther mit Blumen. Leopold. Ungemütlicher Abend. Günther wollte kommen, er kam aber nicht, und nun ist mir wieder trüb und traurig — die ganzen Tage.

14. März [1910], Montag

Traurig und gearbeitet. Nach Tisch mit Bubi durch den Englischen Garten.

17. März [1910]

Den ganzen Tag wie wahnsinnig gearbeitet, um nur all die Qual nicht zu fühlen und doch immer gedacht, sich zerquält, in Gedanken mit ihm gesprochen. Mein Herz ist mitten durch, und ich möchte schreien, wenn mich jemand anrührt, ein Wort zu mir sagt. Mittags kam Günther — nun hab' ich so Angst vor dem Abend. Ach, es soll nicht alles zerbrechen und zerreißen, es soll nicht, es darf nicht. Ich weiß so sicher, daß zwischen uns etwas von dem ist, was bleiben muß — der eternelle Gehalt, wie Hallwig sagt. Es kommt mir, weiß Gott, nicht nur auf mein Herz und meine Gefühle an, wenn ich sie auch so gern ihm hingeben wollte.

Freitag, den 18. März [1910], morgens früh

In einer seligen schmerzlichen Erschütterung. Ja, Gott sei Dank, es ist da und soll bleiben. So oft war ich mit ihm zusammen und konnte dann kein Wort von alledem sagen, was auf mir lag, und gestern abend schmolz auf einmal alles in mir zusammen, ich hätte weinen mögen, bis nichts mehr von mir da war. Von dem Augenblick an, wo er sagte: «Ich hab' viel durchgemacht,» löste sich alles in mir. Und ich hab' so vieles endlich sagen können und fühlte auch, daß es zu ihm drang.

Unsere Seelen kommen zusammen. Ach, es war gut, zu weinen, immer nur zu weinen.

Heut bin ich traurig, glücklich und zermalmt.

Abends.

Nachmittags Günther eine Stunde bei mir und mich zum Leopold abgeholt.

19., 20. März [1910]

Still zu Hause und viel gearbeitet. Abends Günther auf einen Sprung, um mir zu sagen, daß er nach Hause müsse, um Fichte zu lesen. Wurde wieder traurig, wäre er lieber gar nicht gekommen. Dann kam mir alles mit einemmal beinah komisch vor. Ich stelle einen solchen seelischen Trara an, sitze zwei Tage mit Gefühl und süßer Wehmut im Herzen da — und der muß Fichte lesen und hat keine Zeit, sich eine Stunde um meine «Seele» zu bekümmern.

So etwas hilft enorm gegen die Gefühlsduselei. Ich hatte das Gefühl, ihm lächelnd nachzusehen: Dann geh nur, guter Junge, und lies.

20. bis 24. März [1910]

In guter Ruhe meine Möpse fertig gemacht. Fühlte so etwas wie innere Heilung nach einem wütenden Krankheitsprozeß. Ach Gott, hab' ich gerast, geseufzt, geweint und gebetet in diesen letzten Wochen: Gib ihn mir, lieber Gott, gib ihn mir. Jeden Tag dann gezittert, ob ich ihn sehn würde oder nicht. Jetzt verliere ich die Lust — bin beinah froh, daß er fortreist und ich nachher mit Jaffé reisen werde. Erst war ich so gar nicht einverstanden mit der Idee — doch jetzt würde ich Günther lieber lange Zeit gar nicht sehen. —

Er hatte sich auf heute abend angesagt, es wurde aber so spät, daß ich es aufgab und mich mit Bubi an den Tisch setzte. Dann kam er aber doch, und wir bauten rasch unsere Ostergabe auf. Bubi hatte aus roter Pappe ein Osterhäschen gemacht und ich ein Gläschen mit durchsägtem Herzen und dem Vers: Die Lieb' ist groß, die Gab' ist klein, wollt' Gott, es könnte anders sein.

Es war wirklich ein recht zersägtes Stück Herz von mir dabei. Er hat's natürlich sehr nett gefunden und gesagt, das soll zu Haus mein Rotweinglas sein. Worauf man etwa hätte antworten können. Na, denn Prost! — Wozu denn überhaupt der ganze Gefühlsluxus.

25. März [1910]

Nein, ich bin recht kühl geworden, bin ganz froh, daß er fort ist. Nur, als ich heut abend nach Haus kam, fand ich ein Nelkenstöckchen vor der Tür. Das war wieder lieb, und ich pflege es recht schön, während die schönen Gefühle meines Herzens entschieden zu welken beginnen. Der jetzt kommt, wird's gut bei mir haben.

27. März [1910], Ostersonntag

In aller Früh die Osterhäschen für Bubi versteckt, ein Häschen mit Nest neben das Bett. Dann wacht das geliebte Tier auf und jubelt, läuft im Hemd ins Wohnzimmer, sucht seine Sachen und ist für alles so dankbar. Nun komme ich dran und finde ein schönes gemaltes Gläschen. Bei schönstem Frühlingswetter, Baumknospen und jungen Hunden in den Englischen Garten. Ich bin ja immer noch glücklich und fühl' mich eigentlich erlöst, daß diese unentschiedene Qual allmählich von mir abfällt. Ich war ja so darin gefangen mit allen Gedanken, und nun ist doch noch das ganze übrige Leben da. Ich kehre gewissermaßen wieder reuig zu Bubi und zu mir selbst zurück.

Mittags Gué, nachmittags mit ihm nach Schleißheim und Dachau. Plötzlicher Schwindel und Ohnmacht. Als ich aufwachte, lag ich im Hof auf einem Tisch und dachte, ich sterbe. Aber ich starb nicht und kehrte nur ziemlich gebrochen zwischen Gué und Bubi zurück.

Montag, 28. März [1910]

Noch etwas elend, ganzen Tag bei Sonnenschein und offnem Fenster herumgeduselt mit dem Bubiherz. Wir sind so glücklich allein und hängen aneinander wie die Kletten. Überhaupt ist mir merkwürdig still, glücklich und ferienhaft zumut. Vorher schrie alles in mir nach einem Menschen, einem Herzen, an dem mir recht wohl sein sollte. Ich möchte es wohl noch einmal finden, aber dann ganz. Mein Gott, ob das Kinderherz, das mir ganz gehört, nicht viel mehr ist?

Nein, ich mag es gar nicht, daß Günther zurückkommt. Mit der Jafféreise wird's nun ja auch nichts — ich bleibe mit meinem Herzkind auch lieber hier, ihm gegenüber möcht' ich aber so tun, als ob ich fort wäre, damit mir diese wundervolle harmonische Stimmung nicht wieder verloren geht.

Dienstag, 29. März [1910]

Mittags mit Pritzellotte und Coeurbub im Leopold, dann zu Merkl, Gläser abgeliefert, siebenundzwanzig Mark eingenommen und Einkäufe gemacht. Flato kommt, wir wollen rollen gehn, aber als wir heruntergehn, regnet es. So kaufen wir uns bei Luhn ein Abendessen und gehn heim.

1. Mai [1910]

Ein ganzer Monat dazwischen mit viel innerem und äußerem Gemisch. Einige schöne Sonntage mit Günther. Allmählich hat sich auch in mir alles so verschoben, daß ich ganz froh bin. Nur der Schimmer ist fort und könnte auch nicht wieder kommen.

Die letzten drei Wochen eine qualvolle Geldnot, die meine Gedanken arg in Anspruch nahm. Aber man sucht sich selbst solche Zeiten durch viel Angenehmes zu würzen. Ich will mich nicht mehr von diesem Kram niederdrücken lassen, bekomme auch tatsächlich immer mehr Lebenslust und immer mehr «trotzdem». Es ist ja unmöglich, immer dazusitzen und zu denken: Nun ist bald alles aus! Wenn man sich zum Mut zwingt, kommt er schließlich doch von selbst wieder.

Einen Abend mit Günther und Riezler bei Farina. Mit Riezler viel über Hallwig geredet und dann die nächsten Tage einen förmlichen Hallwiganfall bekommen, seine Briefe gelesen und Pläne gemacht, wie wir uns wieder nähern könnten. In denselben Tagen ihn und Putti auf der Straße getroffen und gesprochen.

Dann ein Regensonntagabend. Mit Günther bei Eberspacher und später noch lange bei mir fortgeredet bis drei Uhr nachts.

Den Sonntag drauf war er abends hier. —

Gestern Henry. Der Gute, ich bin immer so vergnügt, wenn ich ihn sehe.

2. Mai [1910]

Abends holte mich Günther zum Theater ab — ganz hübsch: Maienkönigin und Abu Hassan. Überhaupt bin ich jetzt auf der aufsteigenden Linie — ich will es sonnig haben, gerade, wenn sich alles dagegen sträubt. Besinne mich wieder auf meinen alten Spruch: Alles Fühlende leidet in mir, aber mein Wille ist stets mein Bezwinger und Freudenbringer. — Das ist mir auf einmal wieder klar geworden.

3. Mai [1910]

Abend mit Lola, Sendt und Henry, sehr vergnügt.

4. Mai [1910]

Ganz verkatert von den drei späten Nächten, sonst aber recht wohl und gesund. Die Geldwirtschaft scheint sich wieder zurechtzuschieben, ich glaube, ich werde noch diesen Monat durchhalten, bis dahin kann dann andres kommen.

10. Mai [1910]

War in Oberammergau, Queri für Gläser interessiert. Das ist immerhin ein Schritt vorwärts.

14. Mai [1910]

Der Besuch fort. Gott sei Dank. Ich bin nicht ungastlich, aber ich kann diese Schwabingerei nicht mehr ertragen. Diese Leute bringen alles in Disharmonie durch ihre Ungezogenheit und Mangel an Rücksicht. Auch Bubi gefällt's nicht, er ist froh, wenn wir wieder allein sind.

18. Mai [1910]

Mein Geburtstag. Unsere Geschenke fielen bei den schlechten Zeiten etwas spärlich aus, aber es wurde doch ein recht schöner Tag. Nach Tisch fuhren wir nach Nymphenburg bei greulicher Hitze, dann in den Englischen rudern. Heinz Geiger und die kleine Reyländer stiegen zu uns ins Boot, wir wären beinahe alle ins Wasser gefallen.

Bubi und ich heim, gleich zu Bett und um zwei Uhr wieder auf, um den Kometen zu sehn, fuhren im Auto zur Bavaria, wo eine übernächtige Menschenmenge hockte. Man sah vom Kometen nichts, aber einen wundervollen Sonnenaufgang. Zu Fuß bis zum Odeon und später in die Brennerei, um Gläser hinzubringen. Den ganzen Tag gearbeitet, waren beide vergnügt und verkatert. Mittags Sendt und Günther, abends ins Leopold, um Günther zu treffen, kam aber bis zehn nicht, und ich trollte etwas ärgerlich heim, daß ich nicht lieber zu Haus geblieben war.

Halt — nachmittags war Queri da, beguckte sämtliche Gläser und schwellte mein Herz mit schönen Hoffnungen.

5. Juni [1910]

Nun ist schon richtiger Sommer, aber bei mir geht nichts vom Fleck, märchenhafte Geldzustände.

6. Juni [1910]

Noch nichts verkauft, nur bei Mrs. Herbst einen Humpen. Kinder, Kinder, mir steht der Verstand still.

Über den ersten bin ich doch wieder weggekommen, eine heitere Schiebung mit Henry und Monsieur. Guter lieber alter Henry, es ist mir soviel Freude, ihn jetzt wieder öfters zu sehn.

Über Günther wieder ganz getröstet, kann's jetzt nimmer begreifen, daß ich so unglücklich über ihn war. Bin froh und leicht und schwelge mit meinem Bubileben. Frühmorgens gehn wir jetzt in den Englischen und füttern Schwäne, Enten und «Schwenten».

Wenn ich nur um Gottes willen das Kind nicht hergeben muß.

7. Juni [1910]

Abendspaziergang um den See, wir reden ernste Gespräche und daheim im Dämmern das Aufklärungsgespräch, vor dem ich soviel Angst gehabt hatte. Aber es kamen weder die Fragen, die ich fürchtete, es interessierte ihn wohl, machte aber keinen großen Eindruck, und schließlich erklärte er, es wäre doch schade, und viel netter wär's, wenn die Frauen von allein Kinder bekämen und «wozu das alles? es ist gerade so, wie wenn eine Maschine viele Ventile hätte statt einem.»

Im Bett klagte er dann noch, daß es gar nicht hübsch wäre, ein Mann zu sein, Frauen wären so viel schöner. Ich meinte dann, es wäre doch schön, daß man als Mann ein wenig Anteil an den Kindern hätte, wenn man die Frau liebte usw. Aber er seufzte und sagte: «Ach nein, ich glaube nicht, und das Leben ist doch eine komische Sache.»

14. Juni [1910]

Bubi morgens ohne Hut und Bücher aus der Schule, der Lehrer hat ihn geohrfeigt. Ihn also herausgenommen. O weh — und ich bin dem Mann zweihundertfünfzig Mark schuldig.

15. Juni [1910]

Nachmittags gegen fünf zum Hochwasser, dann von Großhesselohe zu Fuß bis München und bei Thalkirchen auf die Brücke. Machte großen Eindruck. In strömendem Regen zurück.

16. Juni [1910]

Vormittags geglast. Nachmittags lange geschlafen.

1. Juli [1910]

— ja immer so weiter. Es ist eigentlich ein ganz fröhlicher Sommer, das kaputte Herz ist wieder ganz geworden und ich bin ganz mit mir und Bubi allein. Und der liebe Henry, der gute. Günther seh ich wenig mehr und mag ihn auch nicht sehen. Immer Angst, es könnte wieder etwas zurückkommen, und ich könnte wieder Gefühl für ihn haben. Damals hat mir doch alles verdammt wehgetan. Und er hat sich auch geirrt — ach, Schluß damit. —

3. Juli [1910]

Regensonntag mit dem großen Rolf, spät mit Bubi heim.

Die Woche geglast und kein Geld.

7. bis 14. Juli [1910]

Elendig herumgelegen, Kopf- und Bauchweh recht verzweifelt, kein Geld und kann nichts tun. Wir können bald nicht mehr Trambahn fahren — Oberammergau wird nichts — ich bin eigentlich ganz ruhig und ganz gleichgültig. Aber ich will ein Ende machen, so oder so. Also beschlossen, hier die Bude zuzumachen und nach Berlin, dort alles versuchen, und wenn es die Friedrichstraße sein sollte. Ich will nicht mehr.

Noch einmal aufgerafft, Ansichtsgläser gemacht, am Tage hier herumgezogen und einen Tag Kochel, hoffte immer, aber — froh, als ich mit Bubi wieder zurückfahren konnte, bin viel zu nervös, um mit Menschen zusammen zu sein.

15. bis 19. Juli [1910]

Ein Glas nach dem andern.

19. Juli [1910], Donnerstag

Zu Holm, um wegen des Buches zu fragen, noch unentschieden, aber eine Übersetzung. War ich selig, gleich hundert Mark Vorschuß und nachmittags mit Bubi Einkäufe gemacht.

Günther getroffen, mich abends abgeholt. Englischer Garten — Mondschein — Gott sei Dank, meine Sentiments sind völlig vorbei.

20. Juli [1910]

Günther zum Frühstück und Mittag. Abends mit Wahl Hofbräu und Ceylon-Teestube.

Samstag, 21. Juli [1910]

Nachmittags im Schandwetter in der Stadt, Bubi Handschuhe und eine rote Badehose gekauft, die er zu Hause vor Freude den ganzen Abend über den Kleidern trägt. Ich mir auch Batisthöschen gekauft, und am Sonntagmorgen führen wir darin einen großen Freudentanz auf.

Fünfzig Mark für verkauftes Bild, jetzt schwimmen wir wieder, geben aber natürlich gleich wieder zuviel aus.

Sonntag, 22. Juli [1910]

Früh Übersetzung, nachmittags Kintopp, der lang' entbehrte. — Todesnachricht von Onkel Georg. Heimweh. Der Mann ist mir in seiner Jugend sehr viel gewesen.

24., 25. Juli [1910]

Englischer Garten, Übersetzung. Rauchen seit zehn Tagen abgewöhnt, fühle mich viel wohler dabei. Henry im Stephanie getroffen, dann Petrichs. Abends Sendt.

28. Juli [1910]

Es geht auf einmal wieder so glatt, eine ganze Masse Geld zusammengekommen. Abends Günther. Ich mag es nicht, es macht mich momentan doch wieder sentimental. Konnte nicht einschlafen und war traurig.

29. Juli [1910]

Still gelegen, sehr elend und sehr vergnügt. Alles geht wieder einmal in staunenswerter Weise.

Aber das Voraus-Heimweh fängt schon an. Wenn ich vom Mittagsschlaf aufwache, ist mir gräßlich zumut. Ich habe mein rotes Zimmer so sehr gern. Es ist viel Schönes, viel blöde Illusionen und viel Trauriges drin gewesen. — Winterabende — ich sehe, daß ich doch noch nicht zuviel dran denken darf. Dann reißt es wieder.

30. Juli [1910]

Stadt, Einkäufe, Handschuhe, Blusen etc. Muß mich jetzt sehr zusammennehmen, um nicht einen furchtbaren Anfall von Leichtsinn zu bekommen. Es ist ja überwältigend. Nachmittags Stephanie, Henry erwartet, der nicht kam. Dann todmüde mit Bubi im Leopold gesessen und Blätter gelesen.

Freu' mich, daß er seine Wasserangst überwunden hat, die ihm in allen vorigen Jahren gar nicht abzugewöhnen war. Jetzt geht er mit Seligkeit zum Baden, schade, daß ich nicht mit dabei sein kann. — Nachmittags Herbert, abends mit ihm Ceylon-Teestube.

Sonntag, 31. Juli [1910]

Das Schlimmste ist die Trennung von Bubi, alles andere macht mir nichts aus. Aber dies ist kaum zu ertragen. Jetzt hab' ich ihn dreizehn Jahre, und nie getrennt. Und nun? Wenn ich ihn einmal weggebe, kommt's mir vor, als ob alles aufgelöst wäre, und wer weiß, wann ich ihn wieder nehmen kann. Mir graut schon vor den einzelnen Momenten — wenn ich ihn an die Bahn bringe und dann ganz allein hier bin. Die Reise nach Berlin ohne ihn, die ersten Tage dort ohne ihn, die erste Nacht, wo er nicht neben mir in seinem Bettchen liegt.

1. August [1910]

Gestern mit Herbert Ratskeller und Teestube, saßen vor dem Kamin und hielten Teegespräche. Ich habe mich so darauf gefreut, ihn zu sehn, aber er war nicht so, wie ich mir gedacht hatte, nicht mehr wie früher. Damals war es irgend etwas Besonderes, jetzt ist er wie irgend jemand anderes. Er hat den fernen Charme verloren.

1. bis 15. August [1910]

Übersetzung, morgens immer im Englischen Garten, göttliche Sommermorgen, Boot gefahren — «Schwenten» gefüttert. Dann heimwärts arbeiten. Bubi geht baden — ich habe natürlich zu Gott und der Welt keine Zeit. Mittags Schwabinger Brauerei und Leopold. Arge Wehmut nach dem vorigen Sommer — ich möchte wieder eine schöne Amour haben, es ist so traurig ohne, aber es findet sich kein geeignetes Objekt.

Nein, das Leben ist auch so schön, sehr still, sehr sommerlich, sehr Bubi. Und Geld, ich kann doch jetzt ruhig leben, wenn's auch nur eine Zeitlang ist, es spannt doch alle Nerven wieder aus. — Hier und da Herbert, einen Abend Ludwigshöhe und an seinem letzten Abend im Englischen Garten am See zu Abend gegessen.

Dienstag, 16. August [1910]

Übersetzung fertig, Gott sei Dank, ich bin todfroh, und Langen nimmt mein Buch, das bedeutet 450 M. Dazu die Übersetzung. Aber ich bin wie ein Sieb, das Geld tropft nur so durch — alles was man in den fünf Monaten entbehrt hat, rächt sich jetzt fürchterlich. Einerlei, abbrechen müssen wir doch, sonst wär's in zwei Monaten die gleiche Situation in Grün. Man kann wenigstens alles in Ordnung bringen, herrichten und die letzte Zeit noch etwas angenehm leben. — Auf Mittag fertig. Leopold. Hegners letzten Tag gefeiert, dann nach Starnberg zu Kitzingers, abends mit Petrichs und Hegner Leopold.

Mittwoch, 17. August [1910]

Abschiedsgang mit Hegner durch den Englischen, dann zu Langen, Geld geholt, eine Orgie von Schulden gezahlt, gefeiert und nachmittags nach Grabenstätt. Ach Gott, war mir da zumut. Voriges Jahr fast um dieselbe Zeit fuhren wir hinaus, fanden unser altes Winkl und schwelgten sechs Wochen, noch dazu mit einem «holden Sonnenglück» im Herzen.

Das ist hin, und alles ist verkracht, aus der ganzen Glasaffäre nichts geworden, na etc. pp. —

Nun wurde es aber doch recht schön, wir wohnten in Grabenstätt, am ersten Morgen gleich auf den Hochfelln, Füße geschwollen, konnte nur mit Mühe und unendlicher Zeit absteigen. Zweiten Tag nach Chieming — unser altes Boot ist fort — auf der ganzen Linie sind wir entheimatet. Also in Chieming eingemietet, nach Seebruck gefahren, Haasens besucht. In Hagenau bei der Oxerin. Am dritten Tag nach Winkl, mit dem neuen Verwalter angefreundet, uns feurig angeboten, wiederherzukommen (aber zwei Tage später die Nachricht, daß Graf Orlowsky das Gut verkauft hat). Abschiedskaffee in Hagenau, zu Schiff nach Prien. Abends in München. Es war schön, aber alles abschiedlich. Noch einmal der Berg, noch einmal der See, alles noch einmal — und wer weiß, wann wieder. Hier auch. So schön, abends in seine Wohnung zurückzukommen, ein Heim zu haben. Nein, mir ist gräßlich weh bei dem allen. Ich möchte fort, ich will fort, ich muß fort, und es zerreißt mich. So war's immer bei mir. Man ergebe sich in sein Schicksal — wenn man kein andres hat.

Langer, heißer, einsamer Sonntag. Hofgarten mit Mrs. Herbst. Samstag Übersetzung durchgelesen und letzte Geschichte abgeschrieben, dann noch einmal im Halbdunkel um den See mit dem kleinen Referendar.

Dienstag, 30. August [1910]

Nach Tisch zu Holm, Übersetzung abgeliefert und sämtliche Gelder einkassiert. Im Hofgarten Henry und Düllberg getroffen. Abends mit Bubi beim Baschl.

Mittwoch, 31. August [1910]

Besorgungen für Bubis Geburtstag. Ach, dieser schlimme dreizehnte Geburtstag, ich bin ganz auseinander, möchte immerfort heulen. Mein Bübchen, mein Tierlein weggeben, das ist der schlimmste Abschied in meinem ganzen Leben. Eine Gans gekauft, dieser Geburtstag soll besonders prunkvoll werden. Und jetzt schreib' ich und möchte zerspringen. — Vor dreizehn Jahren! —

1. September [1910]

Morgens das Tierlein geweckt. Er drapiert sich griechisch mit Handtüchern und Kopfband, freut sich wahnsinnig über den Meccano und schenkt mir einen schönen Bleiguß. Mittags Gänsefraß. Bubi spielt den Tag voller Seligkeit und ist so glücklich. Ach, ich kann nicht, kann nicht fort. Nachmittags wollen wir grade zur Stadt, als der große Rolf auftaucht. Alle zusammen ins Kino, Bratwurstglöckl und Stephanie. Um zehn Uhr heim mit meinem glücklichen kleinen Tier und gedacht, wo treiben wir jetzt hin in diesem Jahr?

2. September [1910]

Bubi immer noch ganz warm mit seinem Meccano, nachmittags Rolf, Jahreszeitenbar.

3. September [1910]

Kleidereinkäufe, Brief von Ernst, daß ich vorläufig nicht bei ihnen wohnen kann, und von Jaffé ein Anerbieten als Privatsekretärin. Das wirft mich nun vollends hin und her. —

Wieder dableiben und «weiterwursteln» oder fort mit dem Gefühl, du hättest bleiben können und den Bubi behalten. Sehe mich andauernd in einer scheußlichen Mietsbude in Berlin — mit dem fürchterlichsten Heimweh.

Aber hierbleiben, sich im besten Fall bescheiden durchwühlen mit all den Schulden —

Bubi ist auch dafür, daß wir unsern Plan aufrecht halten.

15. September [1910]

Abreise immer wieder verschoben — heute sollte sie eigentlich sein, aber ich kann nicht, bin wie gelähmt, kann nachts nur manchmal und tags überhaupt nicht mehr schlafen, weil ich gleich wieder mit dem fürchterlichsten Wehmutsgefühl aufwache.

Mit Wahl Schwank geschrieben, jetzt ist er verreist, und ich nähe und nähe. Kein Fertigwerden, es sollen doch auch mit Bubi die letzten Tage genossen werden.

17. September [1910]. Samstag

Wieder die Woche herum, ich komme auch die nächste noch nicht weg. Vielleicht hab' ich nachher, wenn's so weit ist, gar kein Heimweh mehr, weil's jetzt so fürchterlich arg ist. Dienstag mit Bubi nach dem lang versprochenen Grünwald. — Überall Isartalerinnerungen — alles voll von Menschen.

Heute nachmittag Wiese — erster Oktoberfesttag, aber Streik wegen der Lustbarkeitssteuer und nichts zu sehn, gingen in die Ausstellung ins Kasperletheater herüber. Außerdem stieg der Parseval, und man war sehr glücklich.

Montag, 19. September [1910]

Immer noch Sonnenschein, bei Eva Huch Kaffee. Abends der Unbekannte, lange im Halbdunkeln — Gott — vorigen Sommer —

Und dann die wunderbaren Komplikationen mit Günther, die ganze wahnsinnige Woche damals, und jetzt dieser Nachklang — kurz vor meinem Abschied. Aber auch darin liegt Weisheit — würde Hallwig gesagt haben. Alles ist sehr merkwürdig, daß er jetzt in dem gleichen Haus wohnt, wie damals Günther. Es scheint, daß eine geheimnisvolle Verbindung bleibt, nur schade, daß man mit keinem von ihnen darüber sprechen kann.

Dieser Tag mit der Sommerwärme und den roten Rosen kam mir besonders glücklich vor — ich habe seit einem halben Jahr nicht viel glückliche Tage gehabt — das heißt das eine Ich, das Ich-Ich. Das Bubi-Ich ist immer namenlos glücklich.

Dienstag, 20. September [1910]

Regen — Kopfweh und Erinnerung. Nachmittags mit Bubi Wiese. Portemonnaie mit zehn Mark verloren, die wir aus Sparsamkeit nicht verjubeln wollten. So rächt sich der Geiz, so, daß wir nicht einmal mit der Tram nach Hause konnten, da wir keinen Heller mehr hatten, sondern ein Auto nehmen mußten.

Donnerstag, 22. September [1910]

Abschiedsabend mit Schnotzing. Als ich im Auto auf ihn warte, sehe ich Günther, der Briefe einsteckt, mindestens zehn Minuten lang. Also Anfang und Ende dieser beiden Fäden liefen recht hübsch zusammen.

Freitag, Samstag, Sonntag [23. bis 25. September 1910]

Lauter letzte Tage — Unser letzter Sonntag hier — ach, die vielen, vielen, wo wir immer durch den Englischen Garten liefen. Heute saßen wir noch lange im Strandcafé, Annie Förstl und Pixis getroffen und noch zu den alten Lenbachs. Dann lieg' ich auf dem Sofa und warte, bis Bubi Abendessen gemacht hat. Da klingt seine gute Stimme: prontipartenza, und ich denke, ja, unser letzter Sonntag.

Montag, 26. September [1910]

Wollten mit dem Rapperl bei Monsieur einbrechen und meinen Teetisch wiederholen, aber das Rapperl war traurig und wollte nicht.

Dienstag, 27. September [1910]

Bei Wahl Schwankschreiben, dann Stephanie, das Rapperl zu treffen. Nach zweistündigem Herumwarten glücklich bei Monsieur, Rapperl unterhält ihn, wir entwenden in einer glücklichen Minute unsern Tisch und rennen damit die Treppe herunter. Bubi holt einen Fiaker, und wir fahren voller Pläsier heim.

Am Abend bei Godins.

Mittwoch, 28. September [1910]

Früh schon Monsieur in wildem Zorn — ich kalt — wie die Zeiten sich geändert haben! Besiegt ging er von dannen, und ich dachte an alte Zeiten. Dann ein Besuch nach dem andern. Jaffé, Rapperl etc. Mittags bei Wahl. Bubi mit Abschiedsgeschenken bedacht. Heim und gepackt — da steht schon sein Koffer. Gegen Abend zu Mrs. Herbst.

Donnerstag, 29. September [1910]

Bubis letzter Tag. Jetzt ist er vorbei, aber ich weiß noch nicht, wie ich das aushalten soll. Früh gingen wir in den Englischen Garten. Mittags in der Schwabinger Brauerei. Alles fertig gemacht und sieben Uhr zu Ödipus. Von dort direkt zur Bahn. Dort Reichel getroffen, der Bubi in sein Coupe nahm. Ja, und dann fuhr er weg — mein Kind, mein Bübchen fuhr weg. — Ich mit Henry in den Ratskeller, dann zu mir. Ich schlief in meinem roten Zimmer ein, die Lampe am Boden. Wachte um fünf Uhr früh auf und ging durchs ganze Haus. Gestern abend hätte ich nicht mehr den Mut dazu gehabt. — Und kein Bübchen mehr da. Nein, ich kann nicht, ich kann nicht. —

Berlin [Ende September / Anfang Oktober 1910]

Den ganzen Tag gepackt bis abends in der Dunkelheit, dann noch Listen geschrieben. Olden saß daneben, es war doch etwas tröstlich, daß jemand da war. Ja, und dann fortgewandert! Mit Olden Ceylon-Teestube. Immer das Gefühl: Bubi ist nicht mehr da. Bei Haasens übernachtet. Nächsten Morgen nicht imstande abzureisen, sondern mit Olden gebummelt. Besorgungen gemacht, im Hofgarten gesessen. Abends ab. Schauervolle Fahrt, ohne zu schlafen. Früh hier in Berlin an, alles sonnig und schön, aber Bubi nicht da, und es ist Sonntag. Ich kann nicht schlafen, mich überhaupt nicht hinlegen, dann kommt diese verzweifelte Sehnsucht.

Montag, 3. Oktober [1910]

Bei Ernst. Telegramm aus Paris von Günther, daß ich in der Ausstellung engagiert. Ekstase. Hin und her gerannt, um alles zu besorgen und nur auf Geld gewartet.

Dienstag, 4. Oktober [1910]

Abends Telegramm von Günther: «Noch ungewiß. Brief folgt.» Ach, diese Wut. Wollte trotzdem hinfahren, aber alle raten so ab, daß ich resigniere. Vielleicht wird's noch.

Mittwoch, 5. Oktober [1910]

Ganzen Tag auf Bescheid und anderes gewartet, nervös bis zur Raserei.

Donnerstag, 6. Oktober [1910]

Heute vor acht Tagen mein Bübchen fort. Seine traurigen Briefchen zerreißen mir gänzlich das Herz. Ich glaube, ich kann's nicht länger, ich fahre einfach hin. — «Ich bin ganz traurig und bitte, nimm mich doch bald nach Berlin. Du fehlst mir.»

Ich könnte in einem fort weinen.

Freitag früh [7. Oktober 1910]

Noch keine Antwort aus Paris. Jetzt geb' ich's allmählich auf und muß zu den anfänglichen Plänen zurückkehren, aber ich habe jetzt nicht mehr die rechte Lust dazu. Wieder herzbanges Briefchen von Rolf. Ich kann nicht, kann nicht.

Samstag, 8. Oktober [1910]

Diese acht Tage eine Ewigkeit von Qual, kamen mir vor wie Wochen. Heute Absagebrief von Günther. Du lieber Gott, vor einem Jahr — da war alles so sonnig und ich so glücklich.

Nachmittags mit Gaupp in Sanssouci. Immer schnürt sich mir das Herz zusammen: wenn Bubi mit wäre, und was tut er jetzt?

Sonntag, den 9. Oktober [1910]

Ein ganz fürchterlicher Anfall von Spinnerei. Ich lege mich nach Tisch schlafen, dusele kaum ein, aber da überfällt es mich so, daß ich im Zimmer hin und her laufe wie ein wildes Tier. Ich sehe unsere Sonntage in München: Ich lieg' auf dem Sofa, Bubi liest oder spielt drüben, wir machen Besuche oder gehn ins Kino, kommen heim, machen uns unsern Tee und kriechen in die Betten —

Mit Gaupp spazieren, der Kleine hüpft herum, mir ist wahnsinnig zumut, die ganze Welt scheint schwer und entsetzlich.

Montag, 10. Oktober [1910]

Meine neue Behausung eingerichtet und einen fürchterlichen Abend verbracht. Hin und her gerannt und gedacht, gedacht, oh, ich habe wahnsinniges Heimweh, immer bin ich in unserer Wohnung und höre Bubis süße Stimme, und wir sind immer zusammen, von früh bis spät; oh, das namenlose Glück, dreizehn Jahre hab' ich's gehabt, und wo ich's jetzt eine kurze Zeit von mir lasse, verlier' ich den Verstand. Ich kann mir einreden, was ich will, immer wieder sage ich mir, du hättest es doch nicht tun dürfen. Ich steh' vor dem Spiegel und seh' mich an und sage mir fortwährend: «Was hast du getan?»

Lange, lange wachgelegen, mit fürchterlichem Kopfweh aufgewacht und einem Gefühl, als ob ich schwer krank würde. Liege zwei Stunden wach im Bett, bis es so arg wird, daß ich es nicht aushalte.

Dienstag, 11. Oktober [1910]

Nein, jetzt bin ich entschlossen, bis zum 1. November versuch' ich's auszuhalten, dann fahr' ich nach Deutsch-Altenburg, hole mein Bübchen, wenn's nicht anders geht, wieder zurück nach München und nehme Jaffés Stellung an. Dies halte ich nicht aus. Den halben Tag bei Ernst verbummelt, um nur nicht zu Hause zu sein, aber nun bin ich doch da und sitze und rase wieder. Kann mich nicht entschließen, etwas allein zu essen, weil ich dran denken muß, wie Bubi und ich immer zusammen gefuttert haben.

Mittwoch, 12. Oktober [1910]

Brief von Günther, daß ich vielleicht doch kommen soll. Jetzt habe ich eigentlich keine Lust mehr, möchte lieber nach Deutsch-Altenburg. Paris ist noch viel weiter von Bubi, und ich muß einige Monate dort bleiben.

Donnerstag, 13. Oktober [1910]

Telegramm mit Geld und sofort kommen. Mittags zu Gaupp hinaus, unterwegs «B.-Z.» gelesen. Eisenbahnerstreik und keine Verbindung nach Paris. Nachmittags am Bahnhof erkundigt, Fahren möglich. Abends packen angefangen.

Im Pariser Zug. 15. Oktober [1910]

Gestern früh nicht fertig geworden. Im Romanischen gegessen, dann in meinem Zimmer auf dem Sofa gelegen, Kopfweh, Glockenläuten und so Heimweh nach Bubi. Nun soll ich so weit von ihm weg. Gegen fünf Uhr Gaupp, das war tröstlich. Fertig gepackt, Verschiedenes besorgt, mit ihm zu Abend gegessen, und dann zur Bahn. Halbe Nacht im Zug wachgelegen. Morgens in Metz. Am Abend werd' ich in Paris sein. Gedacht und gedacht, nun fahre ich immer weiter weg, und mein Kind ist irgendwo weit fort. Was wird aus uns beiden — —

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